Musik Star Portrait
Marla Glen - 'Ich will Gerechtigkeit!'
Marla Glen meldet sich mit 'Humanology' und reichlich Wut im Bauch zurück
Von Klaas Tigchelaar 6. Mai 2011, 16:21

Immer cool und lässig mit Hut und Herrenanzug: Marla Glen meldet sich mit 'Humanology' zurück. © Peter Hillert
Songs von Marla Glen sind Blues und Soul, Rock und Pop, sind oft verletzlich, aber auch mal wütend. Und spiegeln damit wohl die unterschiedlichen Seiten der Künstlerin wider, die Anfang der 90er-Jahre, androgyn mit Hut und Herrenanzug gekleidet erstmals für Furore sorgte. Während des Interviews zu ihrem neuen Album 'Humanology' zeigt sich eher ihre wütende Seite: In einem kleinen Hotel in Köln verspeist die in Deutschland lebende US-Amerikanerin eine Lieferdienst-Pizza und regt sich darüber auf, dass nur Lügen über sie erzählt werden.

Gerade mit ihren ehemaligen Geschäftspartnern geht sie hart ins Gericht, schimpft auf Produzenten und sogar auf die Musik an sich. Und so gefeiert ihre Stimme und ihr gesangliches Talent auch sein mögen: Fast scheint es auch während des Gesprächs so, als ob Glen (51) sich auf ihrem Erfolgsweg mit ihrem Temperament oft genug selbst im Weg steht.
teleschau: Ihr neues Album 'Humanology' wird als Comeback beworben. Fühlt es sich auch für Sie wie eine Rückkehr an?
Marla Glen: Ja, weil es bei den anderen Malen eher ein 'Crawlback', also ein Zurückkriechen war (lacht)! Ich versuchte zurückzukriechen!

Denn leider trafen die Verantwortlichen falsche Entscheidungen, weil sie schnell reich werden wollten.
teleschau: Also gab es keine Pause zwischendrin?
Glen: Nein, es gab nie Pausen, auch wenn es vielleicht den Anschein hatte. Und dieses Album ist eine offizielle Veröffentlichung, nicht so wie das Live-Album oder 'Dangerous', die waren gestohlen und wurden mir abgezwungen. Beim neuen Album war ich anwesend. Naja, mehr oder weniger (lacht).
teleschau: Also bei den Alben davor waren Sie nicht anwesend?
Glen: Dieses Album gehört mir!
Niemand hat es hinter meinem Rücken zusammengestellt, sodass ich danach zehn Jahre lang um meine Rechte kämpfen muss.
teleschau: Woher haben Sie die Energie genommen, ein neues Album aufzunehmen?
Glen: Die Energie zog ich aus der Tatsache, dass ich Glauben, Vertrauen und Hoffnung besitze.
teleschau: Würden Sie zustimmen, dass 'Humanology' ein wütendes Album geworden ist?
Glen: Entschuldigung, damit bin ich überhaupt nicht einverstanden! Die Leute reden eine Menge Blödsinn, weil sie keine Lebensinhalte haben. Wie kann denn das Album wütend sein?
teleschau: Nun es gibt viele Texte, die von Ungerechtigkeit und Wut handeln ...
Glen: ... Verdammt, ich bin immer wütend! Sollte nicht jeder wütend und sauer sein, bei dem was in der Welt los ist?
teleschau: Gibt es da etwas, was Sie gerade besonders wütend macht?
Glen: Nein, nichts (lacht)! Ich habe ja meine Wutphase schon hinter mir. Als ich nach Deutschland kam, um für meine Rechte zu kämpfen ... damals war ich wütend.
teleschau: Aber was wollten Sie auf dem Album mit den Texten ausdrücken?
Glen: Ich will Gerechtigkeit! Das habe ich ausgedrückt und das betone ich auch heute.
teleschau: Gerechtigkeit für Sie allein - oder für alle?
Glen: Entschuldigen Sie mal, aber ich muss auch mein Leben leben! Natürlich geht es dabei um mich. Und auch auf dem ersten und dem zweiten Album habe ich über Ungerechtigkeit und Kriege gesungen, aber niemand fragte mich damals danach. 'Humanology' handelt von den Dingen, die ich erlebt habe, die ich durchmachen musste. Und auch davon, wie andere Leute in ähnlicher Situation da durch mussten. Also ich bin kein egoistischer Mensch, es geht nicht ausschließlich nur um mich.
teleschau: Ist Musik ein Weg, mit Wut und Ärger besser klar zu kommen?
Glen: Ich hasse Musik! Warum sollte ich sie mögen? Aber es ist der einzige Beruf, den ich habe.
teleschau: Sie fühlen sich also nicht besser, weil das Album fertiggestellt ist?
Glen: Nein. Wie könnte ich ein gutes Gefühl dabei haben, wenn ein Produzent mich fünf Jahre lang leiden lässt? Fragen Sie den Produzenten, was passiert ist! Er wird etwas sagen wie: Marla Glen ist dies, und Marla Glen ist down, down, down! Kein Produzent sollte so über seinen Künstler sprechen, wie es der Produzent dieses Albums über mich getan hat. Aber ich bin froh, dass es nun fertig ist und diese Last von meinen Schultern verschwunden ist. Aber es hat nichts mit Freude zu tun.
teleschau: Im Song 'Rodney King' singen Sie darüber, dass wir alle ein Leben führen wie jener Afroamerikaner, der 1991 in L.A. von Polizisten verprügelt wurde. Können Sie das näher erklären?
Glen: Ja, mir wurde in den Hintern getreten, in der Schweiz und hier in Köln, von der Polizei! Ich wurde ungerecht behandelt. Also schrieb ich einen Song über Rodney King, der von der Polizei verprügelt wurde. Weil wir alle wie Rodney King sind, wir warten darauf, dass die neue Weltordnung erschaffen wird! Wir werden alle bald wie Rodney King sein!
teleschau: Warum?
Glen: Na, wegen der neuen Weltordnung! Ihr müsst alle mal die Bibel lesen! Aber ich bin keine Politikerin, ich werde hier nicht über die neue Weltordnung sprechen. Es hat was mit dem Kriegsrecht zu tun, okay?
teleschau: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Xavier Naidoo für den Song 'Believer'?
Glen: Das war ein langer Kampf, ich habe dafür gerungen, weil die entscheidenden Leute nicht wollten, dass ich glücklich werde und einen Song mit Xavier Naidoo machen kann. Die waren zu sehr damit beschäftigt, Geld zu stehlen. Es war ein Kampf, aber letztendlich klappte es, weil Xavier an dasselbe glaubt wie ich. Er nahm seinen Gesangspart in seinem Studio auf, und ich sang meine Sachen in meinem Studio in Düsseldorf ein. Ich wünschte, dass wir das gemeinsam hätten machen können. Aber das ging nicht, weil er auf Tour war und nicht die Zeit aufbringen konnte, dieses gemeinsame Gefühl zwischen zwei Künstlern zu erleben.
teleschau: Waren Sie denn mit dem Ergebnis zufrieden?
Glen: Ja, ich habe geweint, weil er es besser gemacht hat, als ich mir es jemals hätte vorstellen können. Er war besser als ich.
teleschau: Es gibt zwei Coverversionen als Bonustracks auf dem Album ...
Glen: ... Das war die Idee des Produzenten. Wenn man ins Studio geht, sind dort die Produzenten und die haben auch immer irgendwelche Ideen. Er suchte Songs aus, von denen ich die Texte kannte und mit denen ich aufgewachsen bin. Also hab ich die eingesungen, nur so aus Spaß.
teleschau: Also gibt es keinen tieferen persönlichen Bezug zu einem Song wie 'Your Song' von Elton John?
Glen: Doch, ich bin ja mit Elton Johns Musik aufgewachsen, die dritte Schallplatte, die ich besaß, war eine von Elton John. Ich kenne die Texte von fast all seinen Songs auswendig.
teleschau: Aber hätten Sie diese Songs auch selbst ausgewählt?
Glen: Der Produzent muss sich auch immer in dein Album einbringen, so schlug er diese Songs vor. Und das war in Ordnung, weil ich ein Elton-John-Fan bin.
teleschau: Sie hatten einige Probleme mit Ihrer alten Plattenfirma. Welche Lehren haben Sie daraus gezogen?
Glen: Den Leuten nicht das Gefühl zu geben, dass ich ihnen vertraue. Sie sind immer so selbstsicher. Und wenn ich auf einen Vorschlag eingehe und etwas mache, heißt das nicht, dass ich den Leuten vertraue. Sondern lediglich, dass Gott oder vielleicht auch ich ihnen die Gelegenheit gebe, sich zu beweisen.
teleschau: Gibt es irgendwelche guten Seiten, die das Musikgeschäft für Sie an sich hat?
Glen: Nein, ich hatte niemals Spaß daran, sorry. Ich hasse Musik, ich wurde immer abgezockt, vom Beginn meiner Karriere an. Der Herr hat mir die Möglichkeit gegeben, nochmal frisch von vorne anzufangen. Damit ich dieses Mal die richtigen Fragen stelle, damit sie nicht nochmal diese Dinge mit mir anstellen, weil ich ja jetzt Bescheid weiß.
teleschau: Sie sind von ihrer Heimatstadt Chicago nach Frankreich und schließlich nach Deutschland gezogen. Nur wegen der Gerechtigkeit, wie Sie sagten?
Glen: Ja, ich wollte rausfinden, warum der Manager von Nina Simone mich bescheißt und warum ihm auch noch Leute dabei geholfen haben. Das war alles, ich wollte Antworten haben. Ich kann aber letztlich nichts gegen die Ungerechtigkeit machen. Deutschland hat zwar gute Gesetze, nur werden diese aber nicht immer eingehalten.
teleschau: Aber mussten Sie dafür umziehen?
Glen: Naja, wenn du etwas Wichtiges über dein Leben herausfinden willst, kannst du auch direkt an dem Ort leben, wo du suchst.
teleschau: Wie gut sind Ihre Deutschkenntnisse mittlerweile?
Glen: Nicht so gut (wechselt ins Deutsche): Ich kann nur ein bisschen auf Deutsch sprechen.
teleschau: Wie stark unterscheidet sich die Musik-Szene in Deutschland von der in den USA?
Glen: Keine Ahnung, ich war seit 20 Jahren nicht in Amerika, ich kämpfe für meine Rechte hier in Deutschland. Und meine Musik hat nichts mit irgendeiner Szene zu tun. Es ist bloß der einzige Job, den ich habe. Ich arbeite nicht bei McDonald's, ich arbeite nicht in einer Bar, ich arbeite nicht in diesem Hotel. Ich bin bloß eine Musikerin, das ist ein Segen für mich. Ein Segen kann gut, aber auch schlecht sein - so wie in meinem Fall. Trotzdem liebe ich meine Fans! Sie sind mir immer treu geblieben und warten auf eine Botschaft, die ich ihnen senden muss.
© 2011 teleschau - der mediendienstMarla Glen auf Deutschland-Tournee
6. Mai 2011, 16:22
17.06., Dortmund, Strobels Open Air - 18.06., Kerpen, Festival - 23.07., Bad Dürrheim, Open Air Festival SommerSINNfonie - 08.11., Köln, ... ... mehr
Marla Glen: Humanology
5. Mai 2011, 18:06
Die schweren Zeiten sind vorbei: Nach persönlichen Tiefschlägen beweist Marla Glen mit 'Humanology', dass sie wieder ganz oben auf ist - zumindest musikalisch. ... mehrMehr über Marla Glen
Hier finden Sie Artikel und Bilder zu Marla Glen




-Heile-Welt_1.jpg)


