Kino Kritiken
I Phone You
Auf der Suche nach dem verschwundenen Freund
Von Claudia Nitsche 19. Mai 2011, 19:20

Die Chinesin Dan Tang inszenierte eine deutsch-chinesische Liebesgeschichte nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase: 'I Phone You'. © Reverse Angle Pictures GmbH
Passt das zusammen? Dan Tang ist eine junge, chinesische Regisseurin, geboren in Chengdu, die sich zunächst an der Kunstakademie mit Ölmalerei beschäftigte. Ihr Spielfilmdebüt 'I Phone You' basiert auf einem Drehbuch des gerade mit der Ehren-Lola für sein Lebenswerk ausgezeichneten Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase, der seinen größten Publikumserfolg mit Andreas Dresens 'Sommer vorm Balkon' hatte. Berlingeschichten sind die Lieblingsdisziplin des 80-Jährigen. Und die im Untertitel verheißene 'Liebe in Zeiten des World Wide Web'?
Ling (Jiang Yiyan) ist ein Mädchen aus dem dicht besiedelten Chongqing.
Sie arbeitet dort für ihren Onkel und muss zusammen mit den anderen Mädchen die Übergabe von Blumensträußen als lustiges Event inszenieren. Wie genau das Mädchen mit der Clownsnase Ju (Wu Da Wei), einen Geschäftsreisenden aus Berlin, kennengelernt hat, weiß man nicht. Aber das iPhone, das er ihr zum Abschied schenkte, wird zum wichtigen Utensil, um mehr über den freundlichen Fremden zu erfahren. Der Flirt über das Telefon geht so weit, dass sie beschließt, Ju in Deutschland zu besuchen. Als Überraschung.
An dieser Stelle kommt Florian Lukas ins Spiel, der die Chinesin vom Flughafen abholt.

Aufopferungsvoll, fast brillant spielt er den Bodyguard für Sonderaufgaben, der seinem Boss die unerwartete Besucherin vom Leib hält. Da der Aufpasser wiederum seine Finger nicht bei sich behalten kann, haut ihm das Mädchen ab, macht sich alleine auf die Suche nach ihrem Freund. Dass der andernorts ein 'treusorgender' Familienvater ist, kann sie ja nicht wissen.
Auch wenn Ling aus einer Stadt mit 32 Millionen Einwohnern kommt, ist es für sie schwierig, sich in Berlin zurechtzufinden. Es passieren die seltsamsten Dinge, und dass die nicht gestelzt und künstlich wirken, mag man Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase gutschreiben.

Die Schnitzeljagd der Fremden durch die Hot Spots der Stadt folgt einer eigenen Logik. Einer Logik, die ihr einen Hund beschert und ihn ihr vor der Abreise auch wieder nimmt. Auf eine Weise, wie es fast nur das Leben selbst zu tun vermag - oder ein guter Autor.
Die 35-jährige Regisseurin fängt dessen Ideen mit einer entschlossenen Leichtigkeit auf. Sie behandelt die zwei Tage, in denen ihr Film spielt, als eine lange Zeitspanne, in der man verweilen kann. Oft fährt sie durch die Straßen Berlins, die attraktiven, bisweilen flirrenden Bilder chillen zu atmosphärischer Großstadtmusik.

Zurückhaltend inszeniert sie die Unterschiede der Menschen und Kontinente, schickt wie zufällig Leute los, die Ling auf ihrem kurzen Abenteuer begegnen. In manchen Momenten und Stimmungen erinnert die Geschichte an Detley Bucks 'Same Same But Different', auch wenn er eine andere Konstellation der Figuren hatte und mehr von Liebe erzählt, als es Dan Tang tut.
Aber die Fäden, die bleiben alle unversponnen liegen. Auch in Gesichtern gibt es - Florian Lukas ist da die Ausnahme - wenig zu lesen. Jetzt könnte man sagen, so ist das eben, das trifft den Kern einer solchen Reise, da fügt sich nichts zusammen.

Allein, als Kinoerlebnis bleibt das ein wenig unbefriedigend und die Lakonie, für die Kohlhaase berühmt ist, findet man nur vereinzelt.
Ein unangenehmer Beigeschmack bleibt außerdem: Alle Männer, denen die junge Chinesin begegnet, können, so unterschiedlich sie sind, bei ihrem Anblick nur an Sex denken, wollen sie 'behalten', weil sie schön ist. Schließlich wird sie doch noch Ju treffen, den Mann, der alles tun wollte, damit sich die Ungeliebte schnell und unerkannt wieder in einen Flieger nach Hause setzt. Überraschenderweise fährt das verschüchterte Mädchen als selbstbewusste junge Frau zurück zum Flughafen.

Das iPhone wirft sie weg.
© 2011 teleschau - der mediendienst Kommentiere diesen ArtikelDas Telefon und die Träne
19. Mai 2011, 19:21
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