Musik Star Portrait
Lady Gaga - Mama Gaga
Lady Gaga veröffentlicht ihr drittes Album 'Born This Way'
Von Stefan Weber 20. Mai 2011, 16:32

Der größte Popstar des 21. Jahrhunderts: Lady Gaga veröffentlicht ihr drittes Album 'Born This Way'. © Universal Music / Nick Knight
Die großen Rollen in der Pop- und Rockmusik schienen verteilt. Michael Jackson: das ewige Kind. Madonna: die stets wandelbare 'Queen Of Pop'. Bono: engagierter Gutmensch und Stadion-Rocker. Bruce Springsteen: Chronist und Stimme des kleinen, hart arbeitenden (amerikanischen) Mannes. Und dann kam Lady Gaga. Sie ist ohne Zweifel die größte Pop-Ikone des 21. Jahrhunderts. Laut der neuesten 'Forbes'-Liste der einflussreichste Promi der Welt. Mit Sicherheit der einzige Superstar der digitalen Postmoderne. Sie saugt Einflüsse auf, spielt virtuos mit den Rollenbildern früherer Popkünstler.

Und ist mit ihrem dritten Album 'Born This Way' (VÖ 23.05.) und nur 25 Jahren auf dem besten Weg, schon zur Übermutter des Pop zu werden.
Denn Mama Gaga ist für alle da. Nicht nur für ihre Fans, die sie liebevoll als 'meine kleinen Monster' und sich selbst als 'mother monster' bezeichnet. Und nicht nur für ihre 34 Millionen Facebook-Freunde und über zehn Millionen Follower bei Twitter. Oder diejenigen, die ihre fast zwei Milliarden Videoabrufe auf Youtube generierten. Nein, jeder, der Lady Gaga sucht, findet sie.

317 Millionen Hits bei Google erzählen alles: vom Aufstieg der Mittelschicht-Tochter Stefani Germanotta, von der schulischen Außenseiterin mit Hang zur modernen Kunst und Mode, von der Songwriterin, die zum größten Popstar der Gegenwart aufstieg. Aber auch immer vom geerdeten Menschen Gaga: 'Nichts hat sich verändert, seit ich ein Star bin. Ich bin ein echter Familienmensch. Wenn es um Liebe und Treue geht, bin ich altmodisch. Und ich bin ziemlich bodenständig für eine exzentrische Person.

'
Man findet Boulevard-Schlagzeilen, News von heute (Lady Gaga hat sich von ihrem 'On/Off'-Freund Luc Carl getrennt), die morgen von anderen überholt werden. Und man findet immer wieder neue Bilder. Von den kunstvollen Gaga-Dada-Outfits, die aufgrund ihrer, teils fast physikalischen, teils ästhetischen Unmöglichkeit erstaunen oder empören. Aufmerksamkeit im Netz erregen sie auf jeden Fall immer.
Gezielt provozieren will Gaga damit aber nicht. Die Wahl ihrer Outfits sei keine bewusste Entscheidung, so Gaga: 'Es ist ein Lebensstil, den ich fühle und atme.

' Auch ihr vielleicht meist diskutierter Auftritt in einer - nun ja - 'Komposition' aus Fleischstücken sei keine Respektlosigkeit gegenüber Vegetariern und Veganern gewesen, stellte sie in einer Talkshow klar. Jeder wisse doch, dass sie 'das am vorurteilsfreieste menschliche Wesen auf Erden' sei. Und es besteht tatsächlich kaum Zweifel daran, dass Lady Gaga versucht, auch wirklich niemanden - einige konservative Gute-Sittenwächter vielleicht ausgenommen - mit ihrer Musik, ihren Auftritten auszugrenzen.

Aus eigener schlechter Erfahrung: Immer wieder betont sie in Interviews, wie sehr sie an der New Yorker Privatschule 'Convent Of The Sacred Heart', die auch die Hilton-Schwestern besuchten, unter ihrem Außenseiterdasein litt: 'Ich war diejenige, der auf dem Flur Ausdrücke wie Schlampe oder Hure, Worte wie häßlich, große Nase, Nerd oder Lesbe nachgerufen wurden', erklärte sie im Interview mit 'Vogue'. Gaga hingegen heißt alle willkommen, die nicht dazugehören - egal, aus welchen Gründen auch immer. Sie will Sprachrohr, Projektionsfläche, Beschützerin, kurz: die engste Vertraute ihrer Fans sein.

'Ich will deine coole, große Schwester sein, zu der du eine wirkliche Beziehung hast, bei der du dich verstanden fühlst. Und die es ablehnt, dich wegen irgendetwas zu verurteilen, weil sie schon immer da war.' Eine Schwester? Vielleicht. Aber mit deutlich mütterlichen Zügen.
Denn Gaga kümmert sich gerne. Nach eigenem Bekunden bisexuell, kämpft sie vor allem natürlich für die Gleichberechtigung von sexuellen Minderheiten. Mit 'Born This Way' scheint ihr fast schon messianischer Eifer im Kampf gegen jegliche Art von Ausgrenzung eine neue Qualität zu gewinnen - und sich auch musikalisch zu äußern.

Denn 'Poker Face', 'Just Dance', 'Bad Romance' und 'Alejandro': Das waren verdammt clevere Dance-Pop-Ohrwürmer mit mehr oder weniger inhaltslosen Texten über mehr oder weniger inhaltslosen Sex. Der bereits im Februar veröffentliche Titeltrack ihres dritten Albums hingegen sendet eine klare Botschaft.
Von Elton John schon vorab zur neuen Schwulenhymne gekürt, lässt sie niemanden außen vor: Sexuelle Orientierung ('gay, straight, bi, lesbian, transgendered life') und Hautfarbe sei, ('black, white, beige, chola descent, you're Lebanese, you're orient') seien egal, ''Born This Way' handelt davon zu sagen: 'This is who the fuck I am!

'', erklärte sie im Google-Interview. Sie spricht inzwischen für alle Mehr- und Minderheiten. Auch musikalisch soll sich inzwischen niemand mehr ausgeschlossen fühlen. Ihr selbsternannter 'Avantgarde-Techno-Rock' wartet auf 'Born This Way' mit zwei Überraschungen auf: Queen-Gitarrist Brian May und Saxofonist Clarence Clemons, Mitglied von Bruce Springsteens E Street Band, haben Gastauftritte. Nur eine Verbeugung vor zwei ihrer erklärten Vorbilder? Oder doch auch ein Versuch, die Lücke zu einer erwachseneren Hörerschaft zu schließen, die keine große Pop-Schwester mehr braucht, aber gut gemachte Unterhaltungsmusik schätzt?

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