TV Programm
Tatort: Altes Eisen - So. 04.09 - ARD: 20.15 Uhr
War's die Tunte?
Von Frank Rauscher 4. Sep 2011, 20:15

'Wie ein altes Ehepaar': Die Kölner Tatort Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, rechts) sind am Ende ihres 50. Falles ganz schön gezeichnet. © WDR / Martin Menke
Et hätt noch immer jot jejange? Nichts ist gut am Ende dieses Films. Und doch darf man jetzt aufatmen. Der Fall ist gelöst. Die Kommissare Ballauf und Schenk haben sich wieder an der ollen Frittenbude mit der Wahnsinnsaussicht auf Rhein und Dom postiert. Zwar hat die 'Wurstbraterei' geschlossen, aber wie so oft beim Kölner 'Tatort' sind noch zwei, drei Minuten drin für einen Moment der Melancholie unter Männern. 'Wie so ein altes Ehepaar', sagt Freddy Schenk (Dietmar Bär) zu Max Ballauf (Klaus Behrendt), und der seufzt und nickt, wohl wissend, dass sein Kollege Recht hat.

'Altes Eisen', der 50. 'Tatort'-Krimi aus Köln, stellt die seit ihrem Debüt 1997 ohnehin kaum unkomplizierter gewordene Freundschaft der beiden Ermittler auf eine harte Probe. Der hochemotional erzählte Fall führt aber auch das Publikum an Grenzen.
Gar nichts ist gut. Von Anfang an nicht. Auch wenn die nach kurzer Gewöhnungszeit unbedingt liebenswerte Hauptfigur ihren Frieden mit ihrer komplizierten Lebenssituation gemacht zu haben scheint. Trudi Hütten ist eine späte Transsexuelle, die vor 30 Jahren unter dem Druck ihrer sexuelle Neigung die Ehefrau verließ.

Nicht aber das alte Wohnhaus - Trudi zog nur in eine andere Wohnung und stöckelt seither als tuntige Dame, die den Mann in sich keineswegs verleugnen kann, durch ihren Kiez - ein Viertel, bestimmt von Prekariat und sozialer Härte.
Vom Leben angezählt, aber beileibe nicht gebrochen lebt Trudi, absolut preiswürdig gespielt von Edgar Selge, der seine manische Wucht gerade rechtzeitig vor der Klippe zum Overacting zum Stehen bringt, in ihrem Viertel. Sie bemüht sich um Normalität, aber sie bleibt ein Freak für die Meisten.

Dabei ist Trudi, Lady-like geschminkt, mit Perücke und Kostüm, im Mief von rechtsrheinischem Altbau-Barock, schwitzigen Eckkaschemmen und grauer Hinterhof-Schmucklosigkeit, beinahe der einzige Farbtupfer. Traurige Gestalt und Lichtblick zugleich. Zwangsläufig gerät Trudi in einem Fall, der auch eine Auseinandersetzung mit der viel zitierten Toleranz der Kölner ist, unter Mordverdacht, nachdem die allseits gefürchtete Hausbesitzerin gemeuchelt wurde.
War's die Tunte? Auch die Kommissare setzen bei Trudi an, tun sich diesmal allerdings schwer mit der Teamwork.

Nicht nur, dass Ballauf frisch verliebt ist in Lydia (Juliane Köhler), die Polizeipsychologin, er setzt sich auch mit einer beruflichen Avance des BKA in Wiesbaden auseinander. Liebe und Karriere - vielleicht zum letzten Mal in seinem Polizistenleben steht er vor so großen Entscheidungen. Zerbricht das Dreamteam aus Köln? Freddy ist voller Sorge und noch mürrischer als sonst, da kann ihn selbst der obercoole Cadillac Eldorado, mit dem er diesmal durch die Domstadt cruisen darf, nicht aufmuntern. Doch der Fall lässt viel Zwist nicht zu. Voller Einsatz ist gefordert und noch mehr Empathie als sonst.

Offenbar hatte die Hausbesitzerin ihre Mieter, an vorderster Stelle eben die durchaus unbequeme Trudi, loswerden wollen - um den Altbau in einen profitablen Neubau für Besserverdienende umzuwandeln ...
Mitreißend wird in dem Film von Regisseur Mark Schlichter (Buch: Mario Giordano) geschildert, wie die Kommissare tief in den Alltag des Kölner Viertels eintauchen. Es ist kein eigentliches Problemviertel. Bis hin zur kleinen Kneipe von Sophie (Henny Reents) und ihrem neuen Freund Frank Roeder (Aljoscha Stadelmann), den Sohn der Ermordeten, alles ganz normal auf dem ersten Blick. Und doch ist fast nichts wie es scheint.
Vordergründig intakte Nachbarschaften entpuppen sich als falsch und fragil. Und die gute Trudi ist bei Weitem nicht so taff, wie sie allen glauben machen will, sondern ein zutiefst verletzlicher Mensch, der gegen seinen Untergang ankämpft. Die Blicke der Nachbarn, die blöden Sprüche der Kids auf der Straße, die offenen Anfeindungen von Typen wie Peter Stamm (Tobias Oertel), einem geldgeilen Wettbüro-Zocker, der an der Altbau-Sanierung mitverdienen will, drücken ihr auf die Seele. Noch mehr aber das erstaunlich vertraute Verhältnis zu ihrer pflegebedürftigen Nachbarin Gerda (Heide Simon), die im Falle einer Hausrenovierung ebenfalls das Dach über dem Kopf verlieren würde ...
Auf dem ganzen Film liegt ein Gefühl der Schwere. Es ist Mitgefühl für Trudi, der man niemals einen Mord zutrauen würde, und doch ist die ganze Zeit klar, dass ihre Geschichte der Schlüssel ist und die ganze Sache niemals gut ausgehen kann. Einzelschicksal und sozialer Hintergrund werden halt nirgendwo so gekonnt verbunden wie beim 'Tatort' in Köln. Auf dass Ballauf nicht zum BKA wechselt und sich das 'alte Ehepaar' auch die nächsten 50 Fälle lang beisteht - in guten wie in schlechten Tagen.© 2011 teleschau - der mediendienstMehr über Dietmar Bär
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