TV Programm
Tatort: Zwischen den Ohren - So. 18.09 - ARD: 20.15 Uhr
Wann ist die Frau ein Mann?
Von Jens Szameit 18. Sep 2011, 20:15

Im Vollrausch trinken Boerne (Jan Josef Liefers, links) und Thiel (Axel Prahl) Brüderschaft. Tags drauf haben sie das gottlob wieder vergessen. © WDR / Thomas Kost
Wahrscheinlich wissen sie beim Münster-'Tatort' manchmal selbst nicht, wie ihnen geschieht. 11,79 Millionen Zuschauer sahen am zurückliegenden Maifeiertag die bislang letzte Episode 'Herrenabend'. Die stärkste 'Tatort'-Quote seit 1993! Für einen Krimi, der bei Licht betrachtet durchaus etwas unausgegoren war. Was zeigt: Die mörderischen Provinzpossen aus dem Westfälischen sind ein Selbstläufer. Da ist die Gefahr, selbstgefällig und bequem zu werden, natürlich groß. Umso schöner, dass zum kleinen Sendejubiläum wieder Zug in die Sache kommt.

Im 20. Fall für das Frotzelduo Thiel (Axel Prahl) / Boerne (Jan Josef Liefers) geht es pikant bis prollig um die große Frage nach dem kleinen Unterschied. Oder etwas griffiger: darum, dass man das Geschlecht des Menschen nicht zwischen den Beinen, sondern 'Zwischen den Ohren' findet.
Worauf Gerichtsmediziner Boerne mit diesem bildhaften Lehrsatz anspielt? Auf ein Phänomen, das die Wissenschaft unter dem Begriff der Intersexualität subsumiert. Menschen, die sich ihrer geschlechtlichen Ausprägung nicht sicher sind. Weil sie genetisch, anatomisch und hormonell gewissermaßen zwischen den Stühlen sitzen.

Für Betroffene durchaus eine existenzielle Belastung, wie man sich leicht denken kann. Man muss es den jungen Filmemachern Thorsten Wettcke, Christoph Silber (Buch) und Franziska Meletzky (Regie) hoch anrechnen, dass sie dieses ernste Thema ebenso feinfühlig wie witzig-derb in einen Krimi der Gourmetklasse überführten.
Plausibilität ist in dieser inspirierten Klischeeparade indes zweitrangig. Ausgerechnet Thiels bekiffter 'Vadder' (Claus D. Clausnitzer) hat beim Nachtangeln auf dem Dortmund-Ems-Kanal plötzlich einen menschlichen Fuß am Haken.

Und der ist anatomisch so einzigartig, dass Professor Boerne, der die mausgraue Mauke mit morbider Faszination inspiziert, gleich einer alten Klassenkameradin zuordnen kann. Tatsächlich findet der nachtangelnde Kommissarspapa schon bald die zugehörige Restleiche: Es handelt sich um die vermutete Susanne Clemens. Ein ziemlich burschikoses Wesen. Mindestens mal. Die Tote hatte sich zu späten Lebzeiten als Kerl in einen Chauvi-Biker-Klub eingeschlichen.
Dass die gehörnten Motorrad-Rocker den Verrat nicht mit Mord quittiert haben, scheint indes rasch plausibel.

Die Spur führt stattdessen zum aufstrebenden Tennistalent Nadine Petri (Anna Bullard) und ihrer vom Ehrgeiz zerfressenen Familie. Offenbar hatte die ermordete Susanne, die im Tennisklub arbeitete, ihre junge Freundin mit einem heimlich gefilmten Bekenntnisvideo erpresst. Auch Nadine, die vor dem Sprung in die Tennisweltspitze steht, ist sich ihres wahren Geschlechts nicht sicher. Und das nicht nur deshalb, weil sie ihren Pulli auf eine Weise auszieht, wie es normalerweise nur Männer tun.
Die Sache mit dem Pulli ist nur einer von vielen schönen Running Gags, die diese Münsteraner Räuberpistole in Gang halten.

Die Rahmenhandlung gestaltet sich, wie man's kennt. Thiel glotzt Fußball (zumindest versucht er es mehrmals), pöbelt gelegentlich und trinkt viel Bier. Boerne sonnt sich in seiner Eitelkeit und gibt im Weinrausch zarte Einblicke in seine verletzliche Außenseiterseele. Alles schon mal so ähnlich dagewesen in 19 Münster-Krimis. Aber frisch und inspiriert dargeboten, als wäre dies der erste Fall.
Der wichtigste Schlüssel zum Krimiglück ist aber die 19-jährige Anna Bullard, die mit einer weder einfachen noch dankbaren Rolle eine klasse Visitenkarte abgibt und das Tragische mit großer Natürlichkeit transportiert.
Unterm Strich ein Themenkrimi ohne intellektuelle Schwere. Genauso muss das sein.
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