TV Reportagen
Ein sattes Stück Fernsehen
Der TV-Sechsteiler 'Borgia' (ab Montag, 17. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) überrascht mit seiner krassen Zeichnung des 15. Jahrhunderts
Von Eric Leimann 7. Sep 2011, 17:45

Besitzt rund 300 Bücher über die berüchtigste Familie der Renaissance: Tom Fontana, New Yorker Autor und Ideengeber der europäischen TV-Serie 'Borgia'. © ZDF / Jan Haeselich
600 Minuten ausgehendes Mittelalter sind eine lange Strecke. Da hat man schon mal Zeit, den alten Papst über eine dreiviertel Stunde 'am Fieber' sterben zu lassen. Den Tod findet der von Udo Kier äußerst morbide dargestellte Pontifex, nachdem Maßnahmen wie das Trinken von Muttermilch aus der Brust einer Amme (Großaufnahme!) oder auch der Genuss von frisch gezapftem Kinderblut keine Linderung bewirken. Andere prominente Kranke werden von einer Hexe mit Schweinexkrementen eingerieben. Da nur zwei von drei Familienmitgliedern des jungen Cesare Borgia (Mark Ryder) jene Kur überleben, wird die Hexe anschließend eigenhändig erwürgt.

Es sind krasse Bilder, die dem Zuschauer der ZDF-Serie 'Borgia' ab Montag, 17. Oktober, zur 20.15-Uhr-Primetime erwarten. Dennoch hebt sich das genau recherchierte und lustvoll ausgestattete Sittengemälde wohltuend von sonstigem Mittelalter-Kitsch ab.
Die aus Spanien stammenden Borgias gelten als schrecklichste Familie der Welt. Im 15. Jahrhundert stellten sie zwei Päpste und zahlreiche andere Würdenträger. Alle Schaltstellen kirchlicher sowie weltlicher Macht wurden konsequent mit Verwandten besetzt. Beliebte Methoden waren dabei Korruption, Folter und Mord. Zur Entspannung gab man sich indes der Vielweiberei, dem Inzest oder anderen Exzessen hin.

Eigentlich komisch, dass ein solcher Stoff erst jetzt ins Fernsehen kommt. Dafür aber gleich zweimal - zumindest in Ländern wie den USA. Während die Miniserie 'The Borgias' des Senders Showtime, die Jeremy Irons als korrupten Papst Alexander VI. zeigt, jenseits des Teiches bereits mit großem Erfolg gelaufen ist - inklusive sechs Emmy-Nominierungen, die zweite Staffel ist schon bestellt -, haben die Amerikaner nun auch die europäische Großprodukion 'Borgia' eingekauft.
Auch die geht auf die Idee eines Amerikaners zurück.

Geschichtsfreak Tom Fontana ('Oz', 'Homicide'), dreifacher Emmy-Gewinner aus New York, besaß nicht nur 300 Bücher über die Borgias, sondern auch das Talent, eine Allianz deutscher, italienischer, französischer, spanischer und anderer europäischer Produzenten hinter sich zu versammeln, um den Stoff für 25 Millionen Euro in zehn Teilen à 60 Minuten auf ähnlich sattem Niveau wie die US-Serienmacher zu erzählen. Auch das ZDF ist mit im Boot. Weil fortlaufend erzählte, komplex geschriebene TV-Serien in Deutschland angeblich nicht funktionieren, zeigen die Mainzer 'Borgia' nun als Film-Sechsteiler von jeweils 100 Minuten Länge.

Und das in durchaus dichter Taktung: Nach Teil eins am Montag, 17.10., 20.15 Uhr, folgen die restlichen Filme im kurzen Abstand. Mit Montag, Mittwoch und Donnerstag war das ZDF so mutig, für das durchaus derbe Werk sechs Primetime-Abende innerhalb von zehn Tagen zu reservieren.
'Und ich freue mich schon auf Staffel zwei', sagte Autor Tom Fontana amerikanisch selbstbewusst bei der Vorstellung des ersten Teils vor der Presse in Hamburg. Wie dort zu erfahren war, gäben die Borgias, deren direkte Linie 1748 ausstarb, noch Stoff für mindestens zwei weitere Staffeln gleicher Länge her. Darüber wird aber wohl erst später entschieden.

Immerhin konnte das europäische 'Borgia'-Projekt, das ebenfalls auf Englisch gedreht wurde, bereits in über 40 Länder verkauft werden. Neben dem durchaus charismatischen US-Hauptdarsteller John Doman ('The Wire') als Rodrigo Borgia, sieht man aus Deutschland Andrea Sawatzki, Udo Kier, Victor Schefé oder die junge Isolda Dychauk in der Rolle der Lucrezia Borgia vor der Kamera.
Auf dem Regiestuhl saß bei den Folgen eins und zwei Oliver Hirschbiegel, der die dichte Atmosphäre seines Oscar-nominierten Großwerkes 'Der Untergang' durchaus aufs ausgehende Mittelalter zu übertragen wusste - auch hier kommt kaum einer lebend raus.

'Borgia' erzählt von Menschen, die in Extremen fühlen, denken und handeln. 'Die Borgias', erläutert deren 'Erfinder' Tom Fontana, 'lebten am Ende des finsteren Mittelalters, an der Schwelle der Renaissance. Die Härte Gottes begann gerade erst zu verblassen, es entstand der eigenständige Mensch.' Warum derlei Stoffe gerade heute die Menschen begeistern? Regisseur Oliver Hirschbiegel versucht sich an einer tiefenpsychologischen Erklärung: 'Auch heute leben wir in einer Ära der Angst und der Extreme. Es beruhigt die Leute, wenn sie sehen, dass die Menschheit selbst solche Zeiten wie die der Borgias überlebt hat.
'
© 2011 teleschau - der mediendienst Kommentiere diesen ArtikelDie Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen. - Mi. 09.11 - ProSieben: 20.15 Uhr
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