TV Star Portrait


Vadim Glowna - Der letzte Einzelkämpfer

Vadim Glowna wird am 26. September 70 Jahre alt und spielt ab Montag, 17. Oktober, 20.15 Uhr, im ZDF-Sechsteiler 'Borgia'

Von Jens Szameit 15. Sep 2011, 07:47

'Ich wurde gerade zum dritten Mal für einen Oscar vornominiert. Das weiß hier kein Mensch. Es interessiert sich auch keiner dafür': Vadim Glowna ist ein Einzelkämpfer geblieben. Am 26. September wird der Schauspieler und Filmemacher 70 Jahre alt. © Christian Hartmann

'Ich wurde gerade zum dritten Mal für einen Oscar vornominiert. Das weiß hier kein Mensch. Es interessiert sich auch keiner dafür': Vadim Glowna ist ein Einzelkämpfer geblieben. Am 26. September wird der Schauspieler und Filmemacher 70 Jahre alt. © Christian Hartmann

Als sogenanntes 'Schlüsselkind' im zerbombten Nachkriegshamburg hat Vadim Glowna früh gelernt, was es heißt, auf sich allein gestellt zu sein. Heute nennt sich der Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent mit Stolz einen 'Einzelkämpfer'. Vielleicht auch, weil er auf eine Biografie voller unglaublicher Anekdoten und schicksalhafter Wendungen zurückblickt. Am 26. September wird der langjährige Wahlmünchner, der heute in Berlin lebt, 70 Jahre alt.

Auch die Stimme ist gefragt: Vadim Glowna als Sprecher im Hörspiel Atemschaukel (Sonntag, 23. Oktober, 18.20 Uhr, SWR2). © SWR/ NDR / Franziska Hauser

Auch die Stimme ist gefragt: Vadim Glowna als Sprecher im Hörspiel 'Atemschaukel' (Sonntag, 23. Oktober, 18.20 Uhr, SWR2). © SWR/ NDR / Franziska Hauser

Ein Gespräch zu feierlichem Anlass also - über Gründgens und Peckinpah, über Hollywood und die Ignoranz des deutschen Fernsehbetriebs, dem Glowna zum Glück trotzdem erhalten bleibt. Ab Montag, 17. Oktober, 20.15 Uhr, spielt er im außergewöhnlichen ZDF-Historien-Sechsteiler 'Borgia' den Kardinal Da Costa.

teleschau: Herr Glowna, es heißt, Sie seien ein spiritueller Mensch. Ist Ihr 70. Geburtstag ein Grund innezuhalten?

Vadim Glowna: Ich bin so viel unterwegs, ich komme kaum dazu. Aber grundsätzlich bin ich in der Tat ein spiritueller Mensch, immer schon gewesen. Ich meditiere auch gelegentlich.

Im ZDF-Sechsteiler Borgia spielt Vadim Glowna den Kardinal Da Costa. © ZDF / Larry Horricks

Im ZDF-Sechsteiler 'Borgia' spielt Vadim Glowna den Kardinal Da Costa. © ZDF / Larry Horricks

Gerade für kreative Menschen ist es wichtig, sich manchmal mit sich selbst zu beschäftigen, in sich hineinzuhorchen.

teleschau: Sie wollten mal Theologie studieren. Sind Sie rückblickend froh, dass es nicht geklappt hat?

Glowna: Ja. Obwohl das ein toller Zukunftsplan gewesen wäre. Ich beschäftige mich noch heute hin und wieder mit theologischen Fragen. Nicht um ein priesterliches Amt zu übernehmen oder Mönch zu werden. Aber wenn es um Fragen nach dem Sinn des Lebens geht, kommt man nicht drum herum.

teleschau: Hat sich Ihr religiöses Empfinden über die Jahre geändert?

Glowna: Ich bin gelassener, nachsichtiger geworden. Früher war ich kämpferischer, was religiöse Fragen anbetraf. Ich ging damals sehr idealistisch an die Sache ran. Ich wollte Missionar werden. In Afrika oder Südamerika. Mit der Kirchenbürokratie hatte ich hingegen meine Schwierigkeiten.

teleschau: Kam bei solchen Gelegenheiten das Kiezkind in Ihnen durch?

Glowna: Ich wuchs nach dem Krieg im zertrümmerten Hamburg auf. Mein Vater fuhr zur See, meine Mutter arbeitete, und ich hatte den Schlüssel und den Tag für mich alleine. In einem Bezirk wie St. Pauli ging's damals schon rauer zu. Sehr früh lernte ich eine ganze Menge vom Leben.

teleschau: Was genau?

Glowna: Ich eignete mir eine gute Menschenkenntnis an. Ich kam mit den verwegensten Leuten in Kontakt. Von Spießern über Prostituierten bis zu Kriminellen. Wenn ich heute wieder in Hamburg bin, merke ich, dass ich mich anders bewege als sonst. Ich habe einen Blick dafür, wenn Leute feindselig gestimmt sind und vielleicht einen Streit anfangen wollen mit der berühmten Frage 'Is' was?' Ähnlich geht es mir in New York oder in den Banlieue von Paris.

teleschau: Wie kommt man in so einer Situation eigentlich ungeschoren davon?

Glowna: Wichtig ist, den Blickkontakt zu meiden. Wenn's doch passiert, muss man stehenbleiben. Meistens merken die an der Art, wie man schaut: Mit dem hat's keinen Sinn. Man darf sich nicht in eine Opferrolle drängen lassen.

teleschau: Stimmt eigentlich die Anekdote, dass Sie sich mit John Lennon prügelten?

Glowna: Zu einer wirklichen Prügelei ist es nicht gekommen. Es war 1962. Ich hatte ein Mädchen kennengelernt, wir waren sehr verliebt und hatten die ganze Nacht im Star-Club getanzt. Um 3 Uhr morgens ging das Licht an, die Beatles packten die Instrumente ein. Lennon ging an uns vorbei, nahm mein Mädchen an der Hand und zog sie mit. Mir platzte der Kragen, und ich stürzte mich auf ihn. Wir wurden getrennt, Lennon ging weg, aber leider ging sie mit ihm (lacht).

teleschau: Neigt man eigentlich dazu, so eine soziale Härte, wie Sie sie erlebten, im Rückblick zur Kiezromantik zu verklären?

Glowna: Nee, ich glaube, da ist man als Hanseat zu nüchtern.

teleschau: Immerhin fuhren Sie zur See. Wenn das keine romantische Vorstellung ist ...

Glowna: Weil mein Vater zur See fuhr, wollte ich das auch. Ich war schon Student, als ich anheuerte. In den Sommerferien ging's los.

teleschau: War's so romantisch, wie Sie sich das vorgestellt hatten?

Glowna: Viel harte Arbeit war's! Auf dem Fischdampfer - das war schon meine zweite Reise - war ich als Idiot für alles angestellt. Der Koch kam nicht, deshalb wurde ich zum Koch bestimmt, was ich nicht konnte. Ich hab's schnell gelernt. Man kriegt so lange Kopfnüsse, bis es klappt.

teleschau: Von der Seefahrt zur Schauspielkarriere war es sicher ein weiter Weg ...

Glowna: Zunächst mal war ich etwas verunsichert, als ich von der Schule flog ...

teleschau: Was haben Sie angestellt?

Glowna: Es gab ein Handgemenge mit dem Schulleiter. Er gab mir eine Ohrfeige, hatte aber vergessen, wo ich aufgewachsen bin. Ich versetzte ihm einen Schlag auf den Solarplexus, und er war ein paar Minuten weg.

teleschau: Und Sie mussten sich bei der Ausbildung umorientieren?

Glowna: Ich war gezwungen, eine kaufmännische Lehre zu machen. Mein Großvater rieb sich schon die Hände, weil er hoffte, ich würde seinen Laden übernehmen, den schon mein Vater nicht haben wollte. Ich war vielleicht ein halbes Jahr Lehrling in einem altehrwürdigen Hamburger Kaufmannsbetrieb, dann haute ich bei Nacht und Nebel nach Paris ab. Ich blieb ein ganzes Jahr in Frankreich.

teleschau: Was haben Sie dort gemacht?

Glowna: Ums Überleben gekämpft. Ich schlug mich als eine Art Clochard durch. Ich hatte das Glück, einen gebildeten älteren Herrn kennenzulernen, der auch auf der Straße lebte und mir die Stadt zeigte. Wenn's regnete, gingen wir ins Museum. Ich glaube, ich war 300-mal im Louvre. Wir lebten von Mundraub und Gelegenheitsarbeiten in den Großmarkthallen.

teleschau: Was veranlasste Sie, nach Deutschland zurückzukehren?

Glowna: Eines Morgens fand ich in Südfrankreich am Strand nach dem Aufwachen ein Buch im Sand. Es war von dem Theaterschauspieler und -regisseur Jean-Louis Barrault und hieß 'Nouvelles reflexions sur le theatre'. Auf der zweiten Seite stand: 'Am Anfang war das Wort.' Ich hatte mich zuvor vor allem für Pantomime interessiert und dachte nun: 'Mensch, der Mann hat Recht!' Ich trampte zurück nach Paris, suchte ihn auf und durfte ihm eine Weile beim Inszenieren zuschauen. Um in Frankreich Schauspieler zu werden, war mein Französisch aber nicht gut genug. Also ging ich zurück nach Deutschland.

teleschau: Wo Sie ausgerechnet unter die Fittiche des großen Gustaf Gründgens gerieten ...

Glowna: Ich wollte Statisterie am Hamburger Schauspielhaus machen. Gründgens suchte damals Leute für seine 'Faust II'-Inszenierung. Ich stand mit 30 anderen Statisten in der Ecke von der Bühne. Gründgens probte mit einem Jungen, der herzlich schlecht war. Nach einer halben Stunde verlor er die Geduld, kam auf mich zu und fragte: 'Sind Sie Schauspielschüler? Haben Sie das gesehen? Können Sie die Rolle bis morgen früh um 10 Uhr lernen?' Ich sagte sofort: 'Ja, klar!'

teleschau: Ihre Schauspielkarriere begann also mit einem Akt der Hochstapelei?

Glowna: Es war einfach Frechheit, jugendliche Naivität. Ich lernte die Rolle, wurde am nächsten Tag besetzt und bekam gleich einen Vertrag.

teleschau: Das Buch am Strand, die Sache mit Gründgens. So viel glückliche Fügung ist selten ...

Glowna: Man muss offen und bereit sein für so etwas. Man muss den Ball annehmen können und ihn zurückspielen.

teleschau: Ihr Ball flog bis nach Hollywood. 1977 drehten Sie unter Sam Peckinpah 'Steiner - Das Eiserne Kreuz'.

Glowna: Das hat sich so ergeben. Ich bekam eine Zehn-Tages-Rolle und dachte: 'Naja, das ist eigentlich unter meiner Würde.' Wie man in dem Alter so denkt. Ich hatte ein paar Ideen, wie man meine Rolle ausbauen könnte, und reiste drei Tage eher an, um Peckinpah meine Vorschläge zu unterbreiten. Sam lud mich zu einem Whiskey an die Bar, und ich legte nach fünf Minuten los. Der Mann ist so was von explodiert! Er fluchte, schrie mich an und zischte ab. Maximilian Schell, der das Ganze aus der Entfernung mitbekommen hatte, riet mir, einen Entschuldigungsbrief zu schreiben.

teleschau: Haben Sie seinen Rat befolgt?

Glowna: Es wurde Montag, ich hätte eigentlich spielen sollen, war aber nicht dran. Am nächsten Montag war ich wieder nicht dran, noch ein Montag, dasselbe. Der Brief wurde immer länger. Über 30 Seiten. Darin stand die neue Szene, so wie ich sie mir vorstellte. Ich schob Peckinpah den Brief unter die Tür. Am nächsten Tag wurde ich zu ihm beordert. Er schüttelte nur den Kopf und fragte, ob ich verrückt sei und nicht wisse, was mein Beruf ist. Ich könne doch nicht einfach eine neue Szene schreiben, noch dazu bei so einem Film. Und dann sagte er plötzlich: 'Aber mir gefällt sie, ich mach sie.' Kurz darauf wurde ich schon wieder frech und schrieb ich noch eine Szene, auch die wurde genommen. Am Ende hatte ich 42 Drehtage.

teleschau: So gesehen war es wohl nur konsequent, dass Sie wenig später selbst Filmemacher wurden.

Glowna: Ich hatte wegen meiner Schauspielkarriere lange nicht die Zeit dafür. Als 'Steiner' in London synchronisiert wurde, bekam ich mich wieder mit Peckinpah in die Haare. Er warf mir vor, ich würde immer nur reden, ich hätte die falschen Bücher gelesen, und aus mir würde nie ein Regisseur. Wenn ich aber doch mal einen Film machen würde, dann würde er den gerne sehen. Dann dürfte ich ihn anrufen.

teleschau: Ein Weckruf?

Glowna: Das war der Tritt in den Hintern. Ich drehte 1980 'Desperado City', reiste mit der ersten Kopie nach Los Angeles, mietete ein kleines Kino und holte Peckinpah morgens ab. Ich war zu nervös, um neben ihm sitzen zu bleiben, und ging um den Block, während er den Film anschaute. Als ich zurückkam, saß Peckinpah in sich versunken irgendwo in der zehnten Reihe. Ich setzte mich neben ihn, wir starrten lange auf die leere Leinwand. Irgendwann legte er seine Hand auf mein Knie und sagte 'Son'. Er hat von da an immer 'Sohn' zu mir gesagt, ich nannte ihn 'Dad'.

teleschau: Wirkt die Welt des deutschen Films vor Ihrer Amerikaerfahrung nicht manchmal etwas trist?

Glowna: Der deutsche Film hat seit den 60er-Jahren eine sehr beachtliche Entwicklung genommen. Dennoch wird immer noch zu mutlos und manchmal auch zu fantasielos inszeniert. Das hat damit zu tun, dass der deutsche Film stark an die Ästhetik des Fernsehens angepasst ist. Dabei hätten wir eigentlich große Themen. Aber es wird zu wenig spektakulär erzählt. Weil die Filmemacher so viel Unterstützung durch die Sendergremien und die Länder erfahren, ist der finanzielle Erfolg vielen Filmemachern gar nicht so wichtig. Ich finde aber, Erfolg ist wichtig. Nicht, um Geld zu machen. Sondern um Geld zu verdienen, damit man unabhängig den nächsten Film machen kann.

teleschau: Fühlen Sie sich mit Ihrem Selbstverständnis manchmal isoliert?

Glowna: Wenn jemand ein bisschen unbequem ist so wie ich, dann hat man das nicht so gern. Ich bezeichne mich mit Stolz als Einzelkämpfer. Weil es so schwierig ist, für meine Art Filme Geld zu akquirieren. Meinen letzten Film 'Das Haus der schlafenden Schönen' finanzierte ich ganz alleine. Der wurde hierzulande ein ziemlicher Flop. Komme ich nach New York, erlebe ich eine Riesenpremiere und glänzende Kritiken. Der Film lief in den USA ein halbes Jahr im Kino und ist seit inzwischen drei Jahren erfolgreich im DVD-Handel. In den USA werden Filme ganz anders wahrgenommen.

teleschau: Haben die Amerikaner im Vergleich zu den Europäern etwa das kunstaffinere Kinopublikum?

Glowna: Ja, an der Ostküste und in Kalifornien ist das durchaus so. Dort erkennt man beispielsweise Parallelen zwischen meinem letzten Film und Ingmar Bergman oder David Lynch. Ich wurde gerade zum dritten Mal für einen Oscar vornominiert. Das weiß hier kein Mensch. Es interessiert sich auch keiner dafür.

teleschau: Herr Glowna, letzte Frage: Wie werden Sie Ihren Geburtstag feiern?

Glowna: Ich drehe gerade in Süditalien, Apulien, einen Film von Rudolf Thome mit dem Titel 'Ins Blaue'. Ich werde dem Team ein Fest geben.

teleschau: Vielleicht nimmt die mediterrane Atmosphäre ja den Schrecken vor der großen Zahl.

Glowna: Naja, manchmal grübelt man schon. Es ist ja nicht 50 oder 60. Und ich habe noch viel vor.

© 2011 teleschau - der mediendienst

Kommentiere diesen Artikel

Mehr zum Thema

Die Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen. - Mi. 09.11 - ProSieben: 20.15 Uhr

9. Nov 2011, 20:15

Die Borgias - Sex. Macht. Mord. Amen. - Mi. 09.11 - ProSieben: 20.15 Uhr
Die Borgias gelten als 'die schrecklichste Familie der Welt'. Kaum verwunderlich, dass sich gleich zwei TV-Produktionen mit dem deftigen Stoff auseinandersetzen. ... mehr

'Abgründe von Niedertracht und Triebhaftigkeit'

20. Okt 2011, 20:32

Abgründe von Niedertracht und Triebhaftigkeit
Wenn eine ZDF-Sendung am Mittwochabend mehr Zuschauer findet als die Champions-League-Übertragung bei SAT.1, wird es höchste Zeit, das Phänomen mit wissenschaftlichem Ansatz zu beleuchten. Was ist dran an den 'Borgia'? ... mehr

Borgia (2) - Mi. 19.10 - ZDF: 20.15 Uhr

19. Okt 2011, 20:15

Borgia (2) - Mi. 19.10 - ZDF: 20.15 Uhr
Im ZDF-Sechsteiler 'Borgia' geht es weiter zur Sache: Sex und Gewalt und Korruption im Vatikan sind Gegenstand der historischen Saga. ... mehr

Bauer vs. Papst

18. Okt 2011, 09:15

Bauer vs. Papst
Es ist der stärkste Staffelstart seit Beginn der Serie: Die Auftaktfolge zur siebten Runde von 'Bauer sucht Frau' verfolgten am Montagabend ... ... mehr

Borgia (Neue Serie:) - Mo. 17.10 - ZDF: 20.15 Uhr

17. Okt 2011, 20:15

Borgia (Neue Serie:) - Mo. 17.10 - ZDF: 20.15 Uhr
Der europäische Film-Sechsteiler 'Borgia' lässt das Zeitalter der Renaissance bildgewaltig wiederauferstehen. ... mehr

Mehr über Vadim Glowna

Hier finden Sie Artikel und Bilder zu Vadim Glowna

SOKO Kitzbühel: Und nichts war wie zuvor - Fr. 06.04 - ZDF: 21.15 Uhr
Vadim Glowna - Der letzte Einzelkämpfer
Mehr Artikel ...

Ihre Meinung!

comments powered by Disqus

Mehr in TV Star Portrait

Weiterführende Links zum Thema

Agenturseite Vadim Glowna

Mehr in TV Star Portrait