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Mick Jagger - 'Mein Leben war ziemlich entspannt'

Mick Jagger spricht über seine 'neue' Band SuperHeavy

Von Klaas Tigchelaar 23. Sep 2011, 15:09

Mick Jagger, wie man ihn als Rolling-Stones-Frontmann kennt: Bei SuperHeavy ist er 'nur' einer von fünf prominenten Musikern. © Universal

Mick Jagger, wie man ihn als Rolling-Stones-Frontmann kennt: Bei SuperHeavy ist er 'nur' einer von fünf prominenten Musikern. © Universal

Was treibt einen 68-Jährigen an, noch dazu Frontmann der größten Rockband aller Zeiten, eine neue Band zu gründen? Als bekannt wurde, dass Mick Jagger sich mit Eurythmics-Mann Dave Stewart, Soul-Röhre Joss Stone, 'Slumdog Millionaire'-Filmkomponist A.R. Rahman und Reggae-Star Damian Marley zur Formation SuperHeavy zusammengeschlossen hat, staunten viele. Sollte die Zusammenarbeit eine Art Verjüngungskur werden? Eine willkommene Pause von den Rolling Stones und Keith Richards sein, mit dem Jagger seit der Erscheinung von dessen Autobiografie über Kreuz liegt? Jagger winkt ab.

SuperHeavy sind: Reggae-Star Damian Marley (links), Eurythmics-Mann Dave Stewart (zweiter von links), Mick Jagger (Mitte), Slumdog Millionaire-Filmkomponist A.R. Rahman (zweiter von rechts) und Soul-Röhre Joss Stone. © Frank W. Ockenfels / Universal

SuperHeavy sind: Reggae-Star Damian Marley (links), Eurythmics-Mann Dave Stewart (zweiter von links), Mick Jagger (Mitte), 'Slumdog Millionaire'-Filmkomponist A.R. Rahman (zweiter von rechts) und Soul-Röhre Joss Stone. © Frank W. Ockenfels / Universal

Und lässt während des Interviews in London keinen Zweifel: Die Mischung aus Rock, Soul, Reggae und indischen Klängen, die seine 'neue' Band auf 'SuperHeavy' präsentiert, sei vor allem ein Experiment gewesen. Das schlicht und ergreifend Spaß gemacht hätte.

teleschau: Mr. Jagger, Sie sind der Frontmann einer der berühmtesten Rockbands aller Zeiten. Warum brauchen Sie noch eine weitere Band?

Jagger: Ach, wissen Sie, es war einfach eine gute Erfahrung, mit einer Gruppe von Leuten unterschiedlichen Alters zu arbeiten. Zudem kommen alle aus anderen Musikrichtungen, haben völlig verschiedene Backgrounds.

Das Ziel war, dass jeder sich wohl fühlen sollte und spontan an Songs arbeiten sollte.: Mick Jagger (rechts) über die Zusammenarbeit bei SuperHeavy. © Kristin Burns / Universal

'Das Ziel war, dass jeder sich wohl fühlen sollte und spontan an Songs arbeiten sollte.': Mick Jagger (rechts) über die Zusammenarbeit bei SuperHeavy. © Kristin Burns / Universal

teleschau: Was wollten Sie im Vorfeld zur Platte beitragen?

Jagger: Alles (lacht)! So viel wie es mir möglich war! Ich sehe meine Rolle sowohl als die des garstigen Sängers wie auch als die des Produzenten und Balladensängers. Und ich habe ein paar Gitarrenriffs beigetragen. Viele verschiedene Rollen also.

teleschau: Was haben Sie dabei gelernt?

Jagger: (überlegt) Schwierig zu sagen, ob ich etwas gelernt habe, was ich nicht vorher schon wusste. Ich glaube, es geht auch gar nicht darum, etwas zu lernen, sondern etwas zu erschaffen. Natürlich lernt man dabei immer auch etwas.

Mick Jagger musste bei SuperHeavy nur einzelne Gesangsparts übernehmen: Aus dieser Perspektive betrachtet gab es also weniger Arbeit für mich. © Universal

Mick Jagger musste bei SuperHeavy nur einzelne Gesangsparts übernehmen: 'Aus dieser Perspektive betrachtet gab es also weniger Arbeit für mich.' © Universal

Es sollte ein neuer Stil werden, etwas das es vorher nicht gab. Und ich habe noch keine Platte gehört, die so klingt wie diese.

teleschau: Gab es ernsthafte Ambitionen, die erfüllt werden mussten?

Jagger: Es war ernsthaft, aber es war natürlich auch viel Spaß dabei. Es gab ja nicht wirklich etwas zu verlieren. Wir waren zehn Tage im Studio, und wenn es uns nicht gefallen hätte, hätten wir es eben bleiben lassen. Unser Leben hing ja nicht davon ab.

teleschau: Initiator des Projekts war Dave Stewart. Wie sind Sie mit ihm zusammengekommen?

Nicht bloß Mick Jagger plus Gaststars: Bei SuperHeavy sollten alle stärker involviert sein, alle sollten gemeinsam in einem Raum sein. © Colin Stark / Universal

Nicht bloß Mick Jagger plus Gaststars: Bei SuperHeavy sollten alle 'stärker involviert sein, alle sollten gemeinsam in einem Raum sein.' © Colin Stark / Universal

Jagger: Dave sprach unentwegt von diesem Traum, eine Platte mit vielen unterschiedlichen Stilen zu machen. Ich sagte ihm, dass er mir das schon ein bisschen detaillierter erklären müsste. Also fingen wir an, darüber zu reden. Ich gab zu bedenken, dass wir die richtigen Leute suchen müssten, schließlich sollten sie dazu bereit sein, sich zu integrieren. Die Teilnehmer sollten etwas nehmen und etwas geben und nicht bloß als Gast auftreten. Das ist ja der Normalfall: Man singt als Gast eine Strophe oder einen Refrain auf der Platte eines anderen Künstlers.

Aber die Leute sollten hier stärker involviert sein, alle sollten gemeinsam in einem Raum sein.

teleschau: Dave Stewart erzählte dazu diese Geschichte von einem Haus in Jamaika ...

Jagger: ... Ja, wie er auf einem Hügel stand, eine tolle Geschichte. Er stand angeblich dort und hörte diese verschiedenartige Musik aus allen Himmelsrichtungen kommen. Von der einen Seite kam Soul-Musik, von der anderen Seite kam ... Naja, es war jedenfalls eine gute Vision und möglicherweise auch für Dave ein wunderbar-mystischer Moment.

teleschau: Für Sie war das Ganze aber keine Eingebung?

Jagger: Nein, ich war in diesem Moment ja nicht dabei, sondern bloß später mit ihm im Studio. Jedenfalls haben wir uns schließlich für dieses Lineup entschieden. Wir fragten die Leute, alle sagten zu und so verbrachten wir dann zehn Tage gemeinsam im Studio. Wir hatten gar nicht viele Songs, ich hatte ein paar Sachen, die ich beisteuern wollte, wenn es sehr gut laufen würde und Dave hatte sicherlich auch ein paar Sachen in petto. Aber das Ziel war eigentlich, dass jeder sich wohl fühlen sollte und spontan an Songs arbeiten sollte. Was eigentlich sonst nie eine wirklich brillante Idee ist (lacht).

teleschau: Also alle saßen zusammen in einem Raum?

Jagger: Ja, und nicht nur wir. Wir hatten ja auch noch eine Rhythmus-Sektion, einen Schlagzeuger, zwei Keyboarder, einen Schlagzeuger/Bassisten und eine Violinistin. So haben wir einfach angefangen, den Rhythmus bestimmt, eine Gesangslinie gefunden, eine Gitarrenlinie gefunden.

teleschau: Ist während der Aufnahmen irgendetwas passiert, das Sie so nicht erwartet hätten?

Jagger: Ich erwartete überhaupt nichts (lacht)! Ich wusste ja auch nicht, was passieren würde! Es gab diese sehr rhythmusorientierte Herangehensweise. Bei 'One Day One Night' spielte A.R. zu Beginn einen sehr einfachen Beat, ich steuerte ein paar Gitarrenakkorde bei und fing an zu singen, über diesen betrunkenen Typen in einem Hotel, der gerade mit seiner Freundin Schluss gemacht hat. Und danach schleichen sich alle anderen in den Song rein. Dave hatte dann diese visuelle Idee, er ist da sehr kinematografisch, wie der Typ aus diesem gruseligen Hotel tritt, und in eine Bar geht und auf einmal bin ich selbst in der Geschichte drin und schaue mir Joss auf einer Bühne an. Also schrieben wir einen Gesangspart für Joss ... kann man diesem Gedankengang noch folgen (lacht)?

teleschau: Natürlich ...

Jagger: ... Naja, jedenfalls entwickelten sich viele Songs so, manchmal brauchten wir nur zehn Minuten dafür. Und diese Art des Songwritings war toll, weil man sonst immer alleine daran sitzt, keine visuellen Eingebungen von Dave bekommt und nicht eine Gegenspielerin wie Joss im Studio auf Abruf hat.

teleschau: Sie mussten ein wenig aus dem Scheinwerferlicht zurücktreten. War es schwierig, ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt zu stehen?

Jagger: Naja es ist eine gemeinschaftliche Angelegenheit. Und es ist natürlich sehr bequem, nicht alle Gesangsparts übernehmen zu müssen (lacht)! Als es zu den Gesangsaufnahmen kam, dachte ich noch, dass das ganz schön viel Zeit brauchen würde, wir hatten ja 16 Songs. Aber dann wurde mir klar, dass ich ja nur einzelne Teile davon singen musste und nicht die ganze Platte. Aus dieser Perspektive betrachtet gab es also weniger Arbeit für mich, aber als Produzent musste ich natürlich andererseits in jedem Prozess involviert sein.

teleschau: Mögen Sie Ihre Stimme auf der SuperHeavy-Platte?

Jagger: Ja, weil ich einige tolle Sachen ausprobieren konnte, die ich lange nicht mehr oder zum Teil auch noch nie gemacht hatte. Damian hat irgendwann 'getoastet', also diesen Reggae-Sprachgesang hingelegt, und ich dachte mir: Oh, das kann ich auch, das kann ja nicht so schwer sein (lacht)! Aber es war dann doch überhaupt nicht so einfach, wie ich anfangs dachte. Mein Respekt für ihn ist seitdem ziemlich gestiegen.

teleschau: Und wie steht's mit Ihrer Gesangspartnerin Joss Stone?

Jagger: Ich mag unser Duett bei 'I Don't Mind' sehr gerne. Joss hat da diese sehr unschuldige Stimme, das hatte ich noch nie bei ihr gehört. Und wegen technischer Probleme musste sie den Song noch mal singen, und ich sagte ihr, sie solle unbedingt diesen Klosterschulen-Stil beibehalten (lacht)!

teleschau: Ihre Stimme klingt dagegen gar nicht nach Klosterschule.

Jagger: (lacht) Nein, dort war ich nie. Aber ehrlich gesagt: Joss, glaube ich, auch nicht. Aber sie kann den Gesangsstil gut rüberbringen. Genauso wie es interessant war mit A.R. Rahman zu arbeiten, er brachte all diese interessanten bis merkwürdigen Sachen ein. Und er besitzt ein seltsames Keyboard, es ist für indische Musik gemacht und das war sehr unterhaltsam. Sein Gesang ist auch toll, diese religiösen Gesänge platzen förmlich aus ihm raus, so wie auf 'Satyameva Jayathe'. Ich fragte ihn, worum es da eigentlich geht, weil ich ja von dem Sanskrit nichts verstand und er sagte: Oh, da geht es um Gott und so (lacht)!

teleschau: Wie groß ist denn Ihre Neugier an neuer Musik heute noch?

Jagger: Ich verfolge schon, wie die Musikwelt sich weiterentwickelt. Aber wie jeder andere Musikhörer ist das auch bei mir stimmungsabhängig. Ich höre Easy Listening, Klassik, alte Blues-Sachen, die ich früher schon gut fand. Und dann gibt es aber auch wieder Hardrock-Momente und die Phasen, in denen man sich auf den neuesten Stand bringen möchte. Ich habe ein breit gefächertes musikalisches Interesse.

teleschau: Rock wurde ja schon oft für tot erklärt. Wie sehen Sie das? Hat Rock noch Sinn? Vielleicht sogar eine Vorbildfunktion?

Jagger: In Los Angeles gibt es die School Of Rock (lacht), für Kinder so zwischen sieben und zehn Jahren und die nehmen das ziemlich ernst. Man kann nicht einfach reinspazieren und einen aktuellen Hit von Lady Gaga darbieten. Zuerst muss man Led Zeppelins 'Stairway To Heaven' lernen (lacht). Als ich da war, sang ein kleines Mädchen 'Gimme Shelter'. Ich fragte mich, ob sie auch den mittleren Part singen würde, indem die Worte Vergewaltigung und Mord vorkommen, immerhin war sie erst zehn Jahre alt (lacht)! Aber so wird das dort eben gemacht, die musikalische Geschichte gerät nicht in Vergessenheit.

teleschau: Apropos Geschichte: Wäre es nicht Zeit, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, eine Autobiografie zu veröffentlichen, wie es viele Leute um Sie herum gerade tun?

Jagger: Ja, das scheint momentan ziemlich angesagt zu sein. Aber ehrlich gesagt: So etwas ist recht deprimierend und schadet einem nur. Es ist schlecht für die Psyche, über die Vergangenheit zu erzählen, besonders wenn das Leben zuweilen schwierig war.

teleschau: Also hatten Sie ein schwieriges Leben?

Jagger: Nein! Mein Leben war ziemlich entspannt (lacht). Aber auf viele andere trifft das wohl zu und dann kann es schnell traumatisch werden.

teleschau: Haben Sie die Biografie von Keith Richards gelesen?

Jagger: Nein. Ich glaube, es kann eine traumatische Erfahrung sein, das Vergangene wieder zu durchleben. Aber ich möchte auch gar nicht weiter darauf eingehen.

teleschau: Aber haben Sie denn das SuperHeavy-Album Ihren Stones-Kollegen vorgespielt oder sie um Rat gefragt?

Jagger: Nein, ich habe nicht nach ihrem Rat gefragt. Aber ich spielte sie Ronnie und Charlie vor, als sie zu Besuch waren. Sie fanden es gut. Sonst habe ich es eigentlich fast niemandem vorgespielt. Ich besitze ja bisher nicht mal selbst eine CD, ich habe das Material bloß auf meinem Computer!

teleschau: Wird es denn mit SuperHeavy weitergehen, jetzt wo die Album draußen ist?

Jagger: Ich habe keine Ahnung, das hängt vielleicht ein bisschen davon ab, was die Leute davon halten. Und wenn sie es nicht mögen, dann werde ich es ihnen nicht aufdrängen. Aber ich habe die Erfahrung genossen und die Möglichkeit, mal andere Musik machen zu können. Für mich fühlt es sich vorläufig wie eine einmalige Sache an, an der ich einfach sehr viel Spaß hatte.

teleschau: Falls das Album ein großer Erfolg wird, könnten Sie sich vorstellen, mit der Band auf Tour zu gehen?

Jagger: Nicht wirklich, nein. Natürlich könnten wir live spielen, ein Festival oder so. Aber jeder hat ja auch sein eigenes Ding laufen und ich halte es für unwahrscheinlich, dass das passieren wird.

teleschau: Sie haben am Anfang gesagt, dass Ihnen die Zusammenarbeit mit Musikern aus unterschiedlichen Generationen gefallen hat. Mit 68 sind sie bei SuperHeavy ja auch der Älteste gewesen. Fühlen Sie sich jetzt verjüngt?

Jagger: Nicht wirklich (lacht). Ich würde es mir wünschen, das wäre toll (lacht)!

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