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Peter Maffay - Die Zeichen des Alters

Peter Maffay Peter Maffay setzt seine 'Tabaluga'-Rockmärchensaga fort

Von Stefan Weber 7. Okt 2011, 14:01

Das erfolgreiche Rockmärchen für Kinder geht weiter: Peter Maffay veröffentlicht 'Tabaluga und die Zeichen der Zeit'. © Olchewski / DEAG Music

Das erfolgreiche Rockmärchen für Kinder geht weiter: Peter Maffay veröffentlicht 'Tabaluga und die Zeichen der Zeit'. © Olchewski / DEAG Music

Eine Gaststätte in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs: Peter Maffay bestellt Essen. Er muss offensichtlich die Zeit des Interviews nutzen, denn sein Terminplan ist straff: Am Abend zuvor hat der Deutsch-Rocker vor Presse und geladenen Gästen Ausschnitte aus seinem neuen Album 'Tabaluga und die Zeichen der Zeit' präsentiert - als kleines Musical mit Gaststars wie Rufus Beck als Erzähler und Heinz Hoenig als Arktos, der Schneemann und Herrscher des Eises. Zahlreiche weitere Termine stehen an, um Werbung für den fünften Teil seines Rockmärchens um den kleinen grünen Drachen Tabaluga zu machen.

Auf dem neuen Tabaluga-Album dreht sich alles um die Zeit - ein nahe liegendes Thema für Peter Maffay: Weil ich mir gesagt habe: Ich bin jetzt 62. Wie teile ich mir eigentlich die Zeit ein? © Olchewski / DEAG Music

Auf dem neuen 'Tabaluga'-Album dreht sich alles um die Zeit - ein nahe liegendes Thema für Peter Maffay: 'Weil ich mir gesagt habe: Ich bin jetzt 62. Wie teile ich mir eigentlich die Zeit ein?' © Olchewski / DEAG Music

Zwischen Rostbratwürstchen und Sauerkraut spricht er über seinen Sohn Yaris, die Geschichte und die Botschaften von 'Tabaluga' sowie über die fortschreitenden 'Zeichen der Zeit', die der 62-Jährige an sich selbst feststellt.

teleschau: Sie erzählten gestern, dass Sie dieses Album auch für Ihren achtjährigen Sohn geschrieben haben, damit er sich noch für Tabaluga begeistern kann, bevor er 'anfängt, AC/DC zu hören'. Hört er denn schon harte Gitarrenmusik?

Peter Maffay: Nein, aber dieser Gefahr will ich ja verbeugen (grinst). Aber bei Roger Chapman ist er jetzt angekommen.

Klavier spielen lernen, mit einem U-Boot fahren, alleine ein Akustik-Album aufnehmen: die größten Wünsche von Peter Maffay. © Andreas Ortner / Sony

Klavier spielen lernen, mit einem U-Boot fahren, alleine ein Akustik-Album aufnehmen: die größten Wünsche von Peter Maffay. © Andreas Ortner / Sony

teleschau: Beim Bluesrock ist er also schon ...

Maffay: ... und auf dem Weg zu 'Highway To Hell' (lacht).

teleschau: Hat er die neuen Tabaluga-Songs schon gehört?

Maffay: Er fängt jetzt an, sie zu hören. Ich missbrauche ihn ja nicht als Studienobjekt. Seit gestern, seit er eine Reihe meiner Kollegen in Kostümen erlebte, beschäftigt ihn das Thema aber. Heute morgen, als ich aufgestanden bin und dann vom Bäcker zurückkam, sang er in seinem Zimmer (singt): 'Ich bin der Tod!' (lacht) Das hat ihn offensichtlich beeindruckt.

teleschau: Es ist das erste 'Tabaluga'-Album, das Sie als Vater veröffentlichen.

Singen gemeinsam auf Tabaluga und die Zeichen der Zeit: Peter Maffay und Ex-Monrose-Sängerin Mandy Capristo. © Andreas Ortner / Sony

Singen gemeinsam auf 'Tabaluga und die Zeichen der Zeit': Peter Maffay und Ex-Monrose-Sängerin Mandy Capristo. © Andreas Ortner / Sony

Hat sich Ihre Sicht der Dinge geändert?

Maffay: Ich will jetzt nicht zu dick auftragen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeinen Vater oder eine Mutter gibt, die nicht durch den Werdegang ihres Kindes tangiert werden. Wie viel das in Zahlen ist, weiß ich nicht. Das lässt sich - glaube ich - nicht messen.

teleschau: Nun ja, als das erste Mal die Idee von einem Kindermärchen an Sie herangetragen wurde, sollen Sie mit 'Ich bin doch nicht der Märchenonkel der Nation!' geantwortet haben ...

Maffay: Das stimmt.

teleschau: Was hat Sie damals umgestimmt?

Maffay: Ich sah ein, dass ich eine Riesenchance vertun würde. Man kann in diesen Geschichten Kreativität entfalten, kann sich ausleben. Es gibt da keine musikalischen No-Gos. Eigentlich kann man alles machen, was auch nur entfernt nach Tönen klingt. Alles ist möglich: Illustrationen, Geräusche, stilistisch unterschiedliche Songs. Denn wir bedienen ja nicht Peter Maffay, den Sänger, sondern eine Geschichte. Wir interpretieren mit verschiedenen Songs die Figuren. Die Eintagsfliege kommt dann eben eher als Punk daher ...

teleschau: ... und der Tod eher als lässiger Geselle.

Maffay: Ja, den Tod haben wir bewusst etwas lässiger gemacht, damit er für Kinder leichter verdaulich ist. Dieses Album ist ja ein Zwischending, da musste ich auch erst einmal draufkommen: Es ist kein Kinder-La-La-La-Thema. Es ist für Kinder - und solche, die es geblieben sind. Kindlichkeit spielt eine Rolle, aber etliche Stoffe, die kleinen Philosophien des Albums, die sind schon ziemlich erwachsen.

teleschau: Und die Musik spricht zwar Kinder, aber eben auch Erwachsene an.

Maffay: Ja, es ist keine Hänschen-Klein-Musik. Es ist schon Musik, so wie wir sie sonst auch spielen. Das macht viel mehr Sinn. Ich rede auch mit meinem kleinen Sohn nicht in der dritten Person. Das ist gar nicht nötig. Deswegen verstellen wir uns auch nicht als Musiker. Da ist das Weihnachtsalbum, das wir gemacht haben, noch die 'kindlichste' Platte im Vergleich. Aber die Balladen, die könnten mit anderem Text auch auf einem anderen Album von mir drauf sein.

teleschau: Ist 'Die Zeichen der Zeit' vielleicht sogar das bislang 'erwachsenste' Tabaluga-Album?

Maffay: Es ist ein Werdegang: Am Anfang ist da dieses kleine Ei, aus dem Tabaluga schlüpft. Wie alle Drachen. Und dann wird er ein bisschen älter. Jetzt ist er zwar immer noch ein Teenager nach 29 Jahren - und wird es in unseren Köpfen wohl auch immer bleiben. Aber er ist schon reifer. Es sind Jahre vergangen seit der ersten Verliebtheit, und sie kommt in Form einer Erinnerung zurück. Er ist kein Kleinkind mehr. Auf Menschenjahre übertragen, wäre er wahrscheinlich jetzt 14 oder so.

teleschau: Was wollen Sie den Kindern, jetzt auch Ihrem Sohn, mit 'Tabaluga' mitgeben?

Maffay: Jede Scheibe hatte zum Ziel, mit einer Quintessenz zu enden. Wenn du erwachsen werden willst, musst du vernünftig sein, das war der Ansatz der ersten Platte. Die Antwort von Nessaja war: Ich wollte nie erwachsen sein, tief in mir bin ich immer Kind geblieben, das war die Botschaft. Erich Kästner hat das ähnlich formuliert ...

teleschau: 'Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.'

Maffay: Genau, das war die Idee. Bei 'Tabaluga und das leuchtende Schweigen' war es: 'Alles gehört zusammen, nichts ist wirklich trennbar'. Irgendwo auf dieser Welt passiert etwas, das aber viele tangiert. Im einfachen und platten Sinne: Die abgeholzten Regenwälder im Amazonas haben eine Auswirkung auf unser Klima. Punkt. Unser Verbrauch von fossilen Brennstoffen erzeugt in Japan irgendeinen Effekt. Irgendwelche Zocker an der Börse in New York erzeugen eine Auswirkung auf den Arbeitsmarkt hier und ruinieren Existenzen. Das meine ich damit. Das war die Idee der zweiten Platte.

teleschau: Und dann kam 'Tabaluga & Lilli' ...

Maffay: Genau. Die schönste Form des Feuers ist die Liebe - das war die dritte Botschaft. Und dann: Das verschenkte Glück ist nicht der verlegte Lottoschein.

teleschau: Geben ist seliger als nehmen.

Maffay: So ist es. Das war die vierte Platte. Und jetzt eben: Alles im Leben hat seine Zeit. Die Zeit ist der alles bestimmende Faktor, und die einzige Institution, die die Zeit bestimmt und quasi noch darübersteht, ist die Schöpfung selbst. Oder andere würden sagen: der liebe Gott. Das sind Botschaften, die - meine ich - ein Kind gar nicht alleine verstehen kann. Da gehört ein Erwachsener hin, der sagt: Lass uns mal ein bisschen drüber quatschen.

teleschau: Trotz der Botschaften, gerade das neue Album handelt vom Tod und oft von der Vergänglichkeit der Zeit. Wie viel Bezug haben diese Themen zu Ihnen selbst?

Maffay: Viel. Die Idee, das als Thema herzunehmen, ist auf meinem Mist gewachsen. Weil ich mir gesagt habe: Ich bin jetzt 62. Wie teile ich mir eigentlich die Zeit ein? Was ist die Zeit für mich? Ich setzte mich hin und fing an, ein paar witzige - ich meine, es wären witzige - Betrachtungen anzustellen. Das fängt ja schon bei der Geburt an: Wenn man die Zeit von neun Monaten nicht einhält, hat man schon schlechte Karten. Und wer die Zeichen der Zeit nicht richtig deuten kann, hat ein dickes Problem im Leben. Überall Ampeln: Wenn die auf Rot schalten, muss man das sehen. Ansonsten gibt es einen Crash. Und so ist das Ganze entstanden. Insofern hat das dann schon sehr viel mit mir zu tun.

teleschau: Gilt das auch für einen Song wie 'Ich hatte keine Zeit für dich'?

Maffay: Ja, der Tyrion in diesem Lied ist Maffay, der nicht genügend Zeit hat für Yaris.

teleschau: Fühlen Sie sich demnach auch manchmal 'Alt wie ein Stein'?

Maffay: Oh ja! (grinst) Heute morgen.

teleschau: Weil es gestern spät war?

Maffay: Ja, da fühlt man sich dann nicht nur so, sondern sieht wahrscheinlich auch noch alt aus! Gott sei Dank habe ich einen Beruf, in dem ich nicht dauernd daran erinnert werde, dass ich 62 bin. Morgen spielen wir ein Konzert in Kassel, da ziehe ich dann wieder eine Nietenhose an und hüpfe auf die Harley ... (lacht)

teleschau: In Rente gehen Sie demnach so schnell noch nicht ...

Maffay: Nein, aber es ist an der Zeit, sich seine Gedanken zu machen. Rein biologisch betrachtet, gibt es nicht wenig Menschen, die nicht älter werden, als ich jetzt bin. Und man stellt sich die Frage: Wie wirst du sein? Wie wird man damit fertig? Wird man mit Bedauern zurückblicken, weil man die Zeit nicht richtig ausgenutzt hat oder vertan hat? Ich würde mit Sicherheit auch zu diesem Ergebnis kommen. Aber von Zeit zu Zeit ist man auch richtig mit der Zeit umgegangen. Neulich fragte mich jemand: Würden sie sich Zeit kaufen? Ich meinte nur: Ich bin doch nicht bescheuert! Zeit kann man wirklich nicht kaufen. Man kann nur versuchen, sie besser einzuteilen. Der Gewinn liegt weniger darin, das Volumen zu vergrößern, als das Vorhandene richtig zu nutzen.

teleschau: Und wann haben Sie Ihre Zeit nicht richtig genutzt?

Maffay: Oh, das wäre jetzt eine lange Liste ...

teleschau: Dann konkret gefragt: Bereuen Sie es, nicht früher Vater geworden zu sein? Sie hatten bereits in den frühen 80er-Jahren mit 'Mein Kind' einen Song, der sich an ihr noch ungeborenes Kind richtet ...

Maffay: Ja, der Kinderwunsch war damals schon da. Aber eben auch die Angst. Die 80er-Jahre waren eine Zeit, die ziemlich ... brisant war. Ich meine, im Nachhinein erfuhren wir, was Kennedy und Chruschtschow in Kuba taten. Heute wissen wir, was die Zielsetzung der beiden großen Machtblöcke war. Damals kriegten wir nur mit, dass unter unserem Hintern - von oben verordnet - ein unfassbares Potenzial an Waffen installiert wurde, mit dem Ziel, den Gegner ökonomisch totzurüsten. Heute weiß man das, damals konnte man das nur ahnen. Und diese Ahnung hat viele nachdenklich gemacht, ob es sinnvoll und vertretbar ist, in eine solche Welt Kinder zu setzen.

teleschau: Inzwischen sind Sie Vater, haben auch musikalisch schon viel gemacht und kommerziell eigentlich alles erreicht. Gibt es noch etwas, was Sie reizen würde?

Maffay: Ich würde unheimlich gerne richtig Klavier spielen können. Aber das habe ich verpasst. Und die Geduld werde ich wahrscheinlich auch nicht mehr aufbringen. Ich sitze immer da und bin unfassbar neidisch, wenn ich sehe, was Pascal (Kravetz, Maffays Pianist und Keyboarder, Anm. der Red.) auf dem Klavier macht. Wenn ich nur die Hälfte davon könnte ...

teleschau: Keine sonstigen Lebensträume?

Maffay: Ich würde gerne mal auf einem U-Boot fahren. So Jules-Verne-mäßig.

teleschau: Und musikalisch? Ihr Freund und Kollege Udo Lindenberg hat vor Kurzem ein erfolgreiches Unplugged-Album veröffentlicht ...

Maffay: Ich werde es wohl irgendwann doch noch hinkriegen, ein Album ganz alleine zu machen. Mit meinen drei oder vier Griffen, die ich beherrsche. Ich weiß nicht, ob andere das spannend fänden, ich schon. Denn so macht man Musik. Ohne sich vorher zu verabreden, mit einem Mördergitarristen rechts und links, die dann alles ausbügeln, was man selbst nicht drauf hat. Sich reduzieren auf die paar Dinge, die man gut kann, denn die gibt es ja. Es gibt Dinge, die kann ich gut spielen. Zugegeben: Das ist relativ wenig. Aber ich schreibe meine Songs ja so - und das wäre wahrscheinlich die purste Form.

teleschau: Das wäre dann wirklich ein 'Unplugged'-Album ...

Maffay: Unplugged, das ist eine Gitarre und ein Mikrofon. Und damit hat eigentlich ja auch alles angefangen. Im Schwimmbad, ich mit einer Gitarre - und plötzlich waren die Mädels da! (lacht)

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