TV Star Portrait
Angelika Kallwass - 'Als Kind hätte man mir Ritalin gegeben'
Angelika Kallwass feiert am Montag, 7.11., mit ihrem SAT.1-Nachmittagsklassiker 'Zwei bei Kallwass' (14.00 Uhr) Jubiläum
Von Rupert Sommer 21. Okt 2011, 11:47

'Sich einfach mal eine Nacht um die Ohren zu hauen - das ist für mich ein echtes Time-Out', sagt SAT.1-Moderatorin Angelika Kallwass. © SAT.1 / Willi Weber
Als Angelika Kallwass vor zehn Jahren das erste Mal auf Sendung ging, ahnte sie nicht, dass sie damit zur SAT.1-Marathonläuferin werden würde. Mittlerweile hat sie in 2.975 fiktiven Fällen Menschen in existenziellen Nöten Lösungswege für ihre privaten Probleme aufgezeigt. Ans Aufhören denkt die gebürtige Kölnerin, die Ende Oktober 63 Jahre alt wird, noch lange nicht. Warum auch? Angelika Kallwass, deren Jubiläumsendung 'Zwei bei Kallwass' am Montag, 7. November, um 14.00 Uhr, bei SAT.1 ausgestrahlt wird, hat Energie für zwei.

Und das schon seit frühester Jugend: Im Interview verrät sie, warum ihr die Kollegen noch immer kein Denkmal spendiert haben, wo sie lange Kölner Nächte verbringt und wie sie mit ihrer Zappeligkeit ihre Lehrer zur Verzweiflung brachte.
teleschau: Frau Kallwass, seit zehn Jahren moderieren Sie nun schon Ihre SAT.1-Sendung. Hätten Sie jemals gedacht, dass Sie es so lange machen würden?
Angelika Kallwass: Nein. Das muss ich ganz klar so sagen. Zu Beginn war die Sendung ein ziemliches Experiment. Wir fingen ja zunächst mit echten Betroffenen an, was ziemlich gefloppt ist. Der Ansatz war sicherlich nichts für den Sendetermin um 14.00 Uhr.

Jetzt kann man das besser austarieren: Tiefe Tragik und damit einhergehende Emotionen kombiniert mit ein wenig Unterhaltung - nur diese Mischung macht es uns möglich, erfolgreich am Nachmittag zu senden. Die Umstellung auf dramaturgisch aufbereitete Fälle war dann auch ein Experiment. Zunächst einmal hatten wir uns von Sendejahr zu Sendejahr gehangelt.
teleschau: Sind Sie im Rückblick selbst überrascht, wie sehr die jetzt schon so lang laufende Sendung Ihr Leben umgekrempelt hat?
Angelika Kallwass: Darüber hab ich anfangs nie nachgedacht, weil ich ja auch vorher nie im Fernsehen gearbeitet habe.

Natürlich hat sich mein Leben geändert, weil ich jetzt gewissermaßen eine öffentliche Figur bin. Das finde ich aber gar nichts so dramatisch, weil die Leute sehr behutsam mit mir umgehen.
teleschau: Sie müssen nicht gleich in der Fußgängerzone Therapiestunden abhalten?
Angelika Kallwass: Ich bin immer wieder verblüfft. Die Menschen grüßen mich und geben sich als regelmäßige Zuschauer meiner Sendung zu erkennen. Dann geht man aber auch wieder ganz freundlich auseinander. Ich finde es toll, mit wie viel Respekt für meine Privatsphäre sie mir begegnen.
teleschau: Wie oft kommt die Frage, ob die Fälle in Ihrer Sendung wirklich echt sind?
Angelika Kallwass: Ich denke, dass mittlerweile 95 Prozent der Zuschauer wissen, dass wir dramaturgisch aufbereitete Fälle bearbeiten. Vielleicht haben es einige sehr alte Leute noch nicht mitbekommen. Ich bekomme auch immer wieder Zuschriften aus Alten- und Pflegeheimen. Mich freut es, wenn sie mir schreiben, dass es sie beruhigt, meine Sendung anzusehen. Ich bin immer wieder sehr berührt, wenn ich höre, dass diese Wirkung auch über den Bildschirm funktioniert - als Hilfe zur Selbsthilfe. Der größte Teil meiner Zuschauer sieht die Sendung als ein Modell, wie man mit schwierigen Herausforderungen im Leben umgehen kann.
teleschau: Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, Sie haben jetzt nach zehn Jahren alle möglichen Spielarten von zwischenmenschlichen Problemen abgehandelt?
Angelika Kallwass: Es kommt immer wieder Neues hinzu - aktuell die ganzen Süchte, wie etwa die Internet-Sucht. Die hat man vor zehn Jahren noch nicht absehen können. Natürlich kann man sagen, dass die Grundprobleme schon bei den alten Ägyptern, Griechen und Römern ähnlich waren und wir uns seitdem gar nicht so sehr geändert haben. Trotzdem kann man immer wieder neue Hintergrundgeschichten wählen - etwa ein Eifersuchtsproblem mit Stalking-Effekten.
teleschau: Was bedeutet die Beschäftigung mit der Psychologie für Ihr Leben? Lebt man als Experte glücklicher?
Angelika Kallwass: Das wäre eine überschwängliche Aussage. Nein, man lebt nicht glücklicher. Aber die psychologischen Zusammenhänge zu verstehen, hilft mir, heftige Affekte zu ertragen. Jeder von uns kennt doch Gefühle, die sehr schwer zu verarbeiten sind. An erster Stelle steht meistens die Trauer. Mein Wissen hilft, meine Trauer oder auch meine Wut besser zu verstehen. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man von Todesfällen umgeben ist. Als meine Mutter starb, verringerte mein Background nicht meinen persönlichen Schmerz. Aber ich fühlte mich stärker in mir selbst aufgehoben.
teleschau: Klingt tröstlich. Hat Ihnen die Berufsgenossenschaft für Ihre Aufklärungsarbeit eigentlich schon ein Denkmal gestiftet?
Angelika Kallwass: Weder hat man mir ein Denkmal gestiftet, noch mich aus den jeweiligen Kammern ausgeschlossen. Meine Kollegen gehen gelassen mit meiner Sendung um. Oder kommentieren sie einfach nicht. Aber ich mache ja auch keine klassische Analyse. Daher bin ich auch ein kleiner Abweichler. Ich wollte von Anfang an die Schwellenängste der Betroffenen absenken. Mir ist es wichtig, dass man nicht erst mit dem Sarg unter dem Arm in eine Therapeutenpraxis kommt. Es gibt viele Probleme, bei denen man sich einfach Beratung holen kann.
teleschau: Beneiden Sie manchmal Ihre Fernsehpersönlichkeit, weil Sie in Ihrer Sendung in einer Stunde auch mit komplizierten Fällen durch sind?
Angelika Kallwass: Jeder, der mich kennt und dort beobachtet, merkt schnell: Ich bin schon sehr ich selbst, wenn ich die Sendung moderiere.
teleschau: Üblicherweise geht es mit der Hilfe aber auch nicht so schnell ...
Angelika Kallwass: Da bin ich aber auch nicht eifersüchtig. Dass wir die Fälle in 60 Minuten abhandeln, liegt einfach in der Natur einer Fernsehsendung. Diesen Vorwurf könnte man ja auch den Krimiserien machen: Kein echter Kommissar hat den Täter nach einer Stunde geschnappt.
teleschau: Wie ist denn Ihre eigene Zeitplanung? Noch einmal zehn Jahre bei der Sendung?
Angelika Kallwass: (lacht) Ich bin Jahrgang 1948. Wenn ich dann noch fit sein sollte und es mir dann noch Spaß macht - gerne. Wenn ich mich zu langweilen anfange, wird's schlecht. Sollten mich die Zuschauer und der Sender dann noch haben wollen - warum nicht?
teleschau: Das übliche Pensionierungsalter ist für Sie keine zwingendes Datum?
Angelika Kallwass: Nein. Ich kenne keinen Analytiker, der in diesem Alter aufhört. Ich würde auch nach dem Fernsehen noch so lange eine Praxis betreiben, wie es eben geht.
teleschau: Wie sehen denn die Tage aus, wenn Sie endlich mal nicht bei der Arbeit sind und Ihre Batterien aufladen?
Angelika Kallwass: Ich gönne mir diese Tage durchaus. Es ist nicht so, dass mich das Fernsehen auffrisst. Ich kann ja nicht nur über den Burnout sprechen, ich muss auch prophylaktisch etwas dagegen tun und meine Thesen auf mich selbst anwenden. Ich nehme mir wirklich meine Auszeiten.
teleschau: Wie sehen die aus?
Angelika Kallwass: Erst kürzlich habe ich nach einer Lesung von Alice Schwarzer hier in Köln bis um 4 Uhr morgens durchgemacht. Früher hieß die Devise manchmal: 'Wenig Schlaf, viel Alkohol'. Das mache ich heutzutage natürlich nicht mehr. Wenn ich lang unterwegs bin, trinke ich sehr mäßig. Sich einfach mal eine Nacht um die Ohren zu hauen - das ist für mich ein echtes Time-Out.
teleschau: Die berühmten Kölner Nächte ...
Angelika Kallwass: Wir saßen im Café und haben die ganze Nacht diskutiert. Und morgens um 9 Uhr war ich wieder fit. Jeder muss für sich selbst herausfinden: Was ist für mich ein Time-Out, und wie gibt es mir wirklich Energie zurück? Außerdem reise ich viel - war in Nepal und erst kürzlich in Südamerika. Da war ich mit einer Tango-Gruppe, weil ich auch viel und leidenschaftlich tanze.
teleschau: Ihre Energie ist ansteckend. Fast wird einem schwindlig, wenn man Ihnen zuhört.
Angelika Kallwass: Ich hatte schon als Kind viel Energie. Ohne das jetzt zu pathologisieren: Ich war sicherlich auch anstrengend. Heute würde man wahrscheinlich versuchen, mir Ritalin zu geben. Ich war einfach etwas hyperaktiv. Aber ich ich habe gelernt, das in den Griff zu bekommen. Und ich kann jetzt sogar langsam sprechen.
teleschau: Die Praxis, auffällige Kinder mit diesem starken Beruhigungsmittel zu behandeln, hat ja auch eine sehr bittere Note. Wird das Ihrer Meinung nach manchmal etwas zu schnell verschrieben?
Angelika Kallwass: Ich denke schon. Man braucht eine sehr spezielle Ausbildung als Kindertherapeut oder Kinderpsychiater, um exakt herauszufinden, ob wirklich ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) vorliegt. Ritalin hat sehr starke Nebenwirkungen. Manchmal wird das Medikament einfach zu früh gegeben. Mir hätte man sicherlich Ritalin gegeben. Ich hatte ständig mit dem Stuhl gewackelt, bin in der Schule immer zu spät gekommen und konnte, wie meine Lehrer sagten, nicht eine Sekunde den Mund halten. Aber ich bin ja mit mir zurecht gekommen, habe mein Abitur gemacht und zwei Studiengänge absolviert. Nur Buchhalterin hätte ich wahrscheinlich nie werden können.
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