TV Star Portrait


Andreas Schmidt - Der besonders Fleißige

Andreas Schmidt spielt im Märchenfilm 'Die zertanzten Schuhe' (Mo., 26.12., 15.20 Uhr, ARD) und in 'Krauses Braut' (Di., 20.12., 20.15 Uhr, ARD)

Von Eric Leimann 8. Dez 2011, 17:00

Gibt Haupt- wie Nebenrollen den gewissen Zauber: Schauspieler Andreas Schmidt als Nachbar Gänse-Schlunzke im ARD-Film 'Krauses Braut' (Di., 20.12., 20.15 Uhr, ARD). © rbb / Arnim Thomaß

Gibt Haupt- wie Nebenrollen den gewissen Zauber: Schauspieler Andreas Schmidt als Nachbar Gänse-Schlunzke im ARD-Film 'Krauses Braut' (Di., 20.12., 20.15 Uhr, ARD). © rbb / Arnim Thomaß

Er ist groß, fast schon comichaft dünn, und sein Gesicht transportiert irgendwie etwas Tragikomisches. Die Rede ist vom 1963 geborenen Schauspieler Andreas Schmidt. Eigentlich ein klassischer Nebendarsteller - wenn es nicht immer wieder dazu käme, dass seine Porträts von Randfiguren den eigentlichen Hauptrollen die Schau stehlen würden. So richtig bekannt wurde der Berliner Mime erst 2005 durch den Andreas-Dresen-Film 'Sommer vorm Balkon'. Dort spielte er einen Macho-Trucker, der bei Nadja Uhl einzieht.

Andreas Schmidt (rechts) als intriganter Hofmeister mit seinem König (Dieter Hallervorden) im ARD-Märchenfilm Die zertanzten Schuhe (Mo., 26.12., 15.20 Uhr, ARD). © ARD / MDR / Nik Konietzny

Andreas Schmidt (rechts) als intriganter Hofmeister mit seinem König (Dieter Hallervorden) im ARD-Märchenfilm 'Die zertanzten Schuhe' (Mo., 26.12., 15.20 Uhr, ARD). © ARD / MDR / Nik Konietzny

Seitdem hat man das Glück, Andreas Schmidt öfter im TV zu sehen: Mal als verzweifelten Mörder im 'Tatort' ('Borowski und das Mädchen im Moor', 2008) oder als Stimmungssänger Gurki in der verfilmten Heinz-Strunk-Biografie 'Fleisch ist meine Gemüse' (2008). Für diese Rolle erhielt Schmidt 2009 den Deutschen Filmpreis für die beste männliche Nebenrolle. Im gleichen Jahr widmete ihm das ZDF sogar eine eigene Filmreihe im Spätprogramm. Ihr Titel: 'Andreas Schmidt - Der Ungewöhnliche'. Am 2. Weihnachtsfeiertag ist Schmidt nun deutlich früher am Tage zu sehen: Im Märchenfilm 'Die zertanzten Schuhe' (Mo.

Andreas Schmidt (hier in Neandertal, 2006) ist Der Ungewöhnliche. Unter diesem Titel widmete ihm das ZDF 2009 eine kleine Reihe. © ZDF / Tom Trabow

Andreas Schmidt (hier in 'Neandertal', 2006) ist 'Der Ungewöhnliche'. Unter diesem Titel widmete ihm das ZDF 2009 eine kleine Reihe. © ZDF / Tom Trabow

, 26.12., 15.20 Uhr) gibt der Vater eines vierjährigen Sohnes den intriganten Hofmeister. Ein paar Tage zuvor (Di., 20.12., 20.15 Uhr, ARD) ist er in 'Krauses Braut' mit von der Partie - selbstredend in einer eindrücklichen Nebenrolle.

teleschau: Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie für Kinder oder Erwachsene spielen?

Andreas Schmidt: Was das Spielen und die Vorbereitung darauf betrifft - nein. Ich bin Schauspieler, weil ich Lust habe, gute Geschichten zu erzählen. Und Märchen sind extrem gute Geschichten, sonst hätten sie nicht so lange überlebt. Es macht aber schon Spaß, für Kinder zu spielen.

Deutscher Filmpreis 2009: Andreas Schmidt als Sänger Gurki in Fleisch ist mein Gemüse. © Universal

Deutscher Filmpreis 2009: Andreas Schmidt als Sänger 'Gurki' in 'Fleisch ist mein Gemüse'. © Universal

Weil sie so unglaublich viel Lust auf Geschichten haben. Mein vierjähriger Sohn ist mein Lieblingspublikum. Da kann ich noch etwas physischer und expressiver sein, als es der normale Fernsehalltag hergibt. Das macht definitiv eine Menge Spaß.

teleschau: Kann man mit einer Rolle in einem Kinderfilm vor seinen eigenen Kindern angeben?

Schmidt: Neulich lief 'Rennschwein Rudi Rüssel 2'. Und ich frage meinen Sohn beim Gucken: 'Schau mal, kennste den da hinten rechts?' - 'Nö, wer iss'n das?' Da hatte ich lange Haare, und mein Sohn hat mich noch nicht mal erkannt. So viel zum Thema angeben.

Im Bett mit Nadja Uhl: Ronald (Andreas Schmidt) und Nike (Uhl) und verbringen eine Nacht miteinander - Szene aus dem Film Sommer vorm Balkon von Andreas Dresen. © RBB / X Filme

Im Bett mit Nadja Uhl: Ronald (Andreas Schmidt) und Nike (Uhl) und verbringen eine Nacht miteinander - Szene aus dem Film 'Sommer vorm Balkon' von Andreas Dresen. © RBB / X Filme

Ich freue mich aber, wenn ich mit meinem Sohn einen Film gucke, und der Film gefällt ihm. Darauf kommt es auch an. Ob oder was ich da spiele, ist völlig nebensächlich.

teleschau: Was können wir von Märchen lernen?

Schmidt: Eine moralische Haltung einzunehmen. Ich finde, dass Moral sehr wichtig ist - im Leben wie auch im Film. Achten Sie mal drauf - es gibt in keinem amerikanischen Kassenschlager auch nur eine einzige Nebenfigur, die mit einer Lüge davon kommt, ohne dass es der Erzähler wüsste. Natürlich darf man auch im amerikanischen Film mal als Verbrecher durchkommen. Aber es ist ein Fehler anzunehmen, dass das okay wäre.

Gefragter Mime: Andreas Schmidt im Fernsehspiel Ein guter Sommer (2011). © HR / Johannes Krieg

Gefragter Mime: Andreas Schmidt im Fernsehspiel 'Ein guter Sommer' (2011). © HR / Johannes Krieg

Diese Haltung gibt es gern mal im deutschen Film, und das hasse ich. Ich finde, man braucht als Erzählhaltung unbedingt ein moralisches Rückgrat, einen Standpunkt. Hier gibt es viele Filme, wo sich die Macher so durchlavieren. Man lügt hier ein bisschen und klaut da ein wenig. Aber das geht nicht auf. Märchen lehren uns eine - wenn auch vereinfachte - Moral. Auch deshalb sind es gute Geschichten.

teleschau: Hat das Vatersein Ihre Sicht auf den Beruf des Schauspielers verändert?

Schmidt: Vatersein verändert alles. Ich denke viel mehr über Verantwortung nach - auch was meine Rollen betrifft.

Grandioser Tatort-Auftritt als unfreiwillig komischer Mörder: Axel Milberg (rechts) und Andreas Schmidt im Krimi-Highlight Borowski und das Mädchen im Moor von 2008. © NDR / Marion von der Mehden

Grandioser 'Tatort'-Auftritt als unfreiwillig komischer Mörder: Axel Milberg (rechts) und Andreas Schmidt im Krimi-Highlight 'Borowski und das Mädchen im Moor' von 2008. © NDR / Marion von der Mehden

Ich frage mich, ob ich will, dass mich mein Sohn später in dieser Rolle sieht. Und selbst bei den Rollen, die ich vor seiner Geburt spielte, frage ich mich heute tatsächlich, ob ich will, dass er das mal später sieht (lacht). Ich versuche mich heute tatsächlich noch besser vorzubereiten.

teleschau: Oft stehlen Sie in der Nebenrolle Hauptdarstellern mit Ihrer speziellen Art die Schau. Woher kommt Ihre besondere Begabung?

Schmidt: Ich bereite mich einfach intensiv und ernsthaft auf Rollen vor.

Zunächst lese ich das Buch sehr genau und spreche in einer frühen Phase mit dem Regisseur oder auch dem Autor darüber, ob sich unsere Vorstellungen von einer Figur decken. Dann mache ich mir eine Biografie der Figur - so finde ich meine Form des Spielens und auch der Sprache für sie. Da mir oft extreme Rollen angeboten werden, wirkt es vielleicht so, als wäre ich ein sehr expressiver Schauspieler. Aber das sehe ich gar nicht so.

teleschau: Nervt es Sie, wenn man Ihnen immer wieder skurrile Rollen anbietet? Würden Sie lieber mal einen langweiligen Normalo spielen?

Schmidt: Wenn mir ein einziger langweiliger Normalo einfallen würde, würde ich ihn auch spielen. Wenn man sich Menschen gut genug anguckt, findet man immer außergewöhnliche Dinge an ihnen. Jedes Leben hat seine ganz großen Abenteuer.

teleschau: Es gibt also keine Durchschnittstypen?

Schmidt: Sagen wir es so - wenn ich eine Rolle annehme und sage: Ich spiele den jetzt mal als Durchschnittstypen, würde das nicht funktionieren. Man muss sich jede Rolle genau ansehen, die Verwandtschaft zwischen sich selbst und der Figur entdecken. Sie müssen wissen, was ihrer Figur wichtiger ist als alles andere. Nein, es gibt keine langweiligen Charaktere, nur schlecht aufgeschriebene. In meinem ersten Film 'Plus-Minus Null' von Eoin Moore spielte ich einen Bauarbeiter. In Irland, sagte Eoin, wäre das zum Beispiel ein ganz normaler Typ, der sich so durchs Leben schlägt. Nur in Deutschland stilisiert man solche Rollen gern zum Loser-Porträt und damit zu etwas Besonderem (lacht).

teleschau: Sie schreiben und inszenieren auch Theaterstücke. Hat das Ihre Sichtweise auf den Schauspielberuf geprägt?

Schmidt: Ich habe lange schon geschrieben und inszeniert, bevor ich selbst spielte. Mit 16 schrieb ich die ersten Sachen auf. Dann studierte ich Germanistik und Philosophie. Vor allem, weil ich etwas über das Schreiben lernen wollte. Das habe ich aber nicht. Erst, als ich an der Schauspielschule war und dort Regieseminare belegte, kapierte ich plötzlich, wie das geht - Geschichten erzählen. Da habe ich mich schnell zu Hause gefühlt.

teleschau: Und das Theater als wichtigste Ausdrucksform gefunden?

Schmidt: Das kann man so sagen. Ich spielte lange Zeit kleine und sehr kleine Rollen im Fernsehen. Einfach, um meine Miete zu bezahlen. Alles Geld, das noch übrig war, steckte ich in meine Theaterprojekte.

teleschau: In den letzten Jahren sah man Sie immer häufiger im Fernsehen. Die Rollen wurden größer, viele mit Preisen bedacht. Alles Zufall oder verfolgen Sie eine Strategie, was Ihre Karriere betrifft?

Schmidt: Meine Strategie besteht darin, zu nehmen, was mir angeboten wird (lacht). Meistens sind das jedoch schöne Rollen. Wenn ich merke, dass mir von engagierten Filmemachern eine größere Rolle angeboten wird, sehe ich die Verpflichtung, mit diesen Leuten in eine tiefere Diskussion einzusteigen. Man muss sich einer Rolle immer mit großer Liebe für Figur und Geschichte nähern, sonst langweilt man sein Publikum. Leider gibt es gerade in Deutschland viele Autoren, die ihre Figuren nicht lieben und sie so ein bisschen von oben herab behandeln.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Schmidt: Wenn ich eine Figur spiele, die eklig und hässlich ist, will das keiner sehen. Interessant wird es, wenn ich weiß, was an diesem ekligen, hässlichen Typen liebenswert ist. Eigentlich sollte das ein Autor immer wissen. Gute Autoren lieben all ihre Figuren. Was nicht heißt, dass sie ihr Handeln nicht verurteilen können. Sie kennen sie aber so gut, dass sie genau wissen, wie sie ticken. So werden Figuren und mit ihnen ihre Geschichten lebendig.

teleschau: Nehmen manche Autoren und Schauspieler ihren Job nicht ernst genug?

Schmidt: Ich stellte mir diese Frage auch, als ich mit Anfang 40 ein Seminar des amerikanischen Schauspiel-Coaches Larry Moss besuchte. Der Mann hat Leute wie Leonardo DiCaprio, Hilary Swank oder Helen Hunt trainiert. Er war für ein paar Tage in Berlin, und ich belegte diesen Kurs bei ihm. Der Mann hat wirklich jedes Theaterstück der Welt gelesen. Larry Moss weiß mehr über jeden Charakter eines Films oder eines Stückes, als ich mir vorstellen konnte, dass es möglich wäre. Diese Erfahrung hat meine Einstellung zum Beruf verändert. Früher habe ich mich nur auf große Rollen intensiv vorbereitet. Mittlerweile mache ich das auch, wenn ich nur zwei Tage drehe. Ich will dann trotzdem alles über diesen Typen wissen - fahre dahin, wo er herkommt und prüfe, ob ich seinen Dialekt lernen kann. Überhaupt reden in deutschen Filmen verdächtig viele Leute Hochdeutsch. Auf der Straße hingegen spricht kaum jemand so. Das meine ich, wenn ich von der Liebe zu den eigenen Charakteren spreche.

teleschau: Woher kommt diese Nachlässigkeit deutscher Autoren?

Schmidt: Ich glaube, es ist die Angst eines Volkes, schwach zu sein. Und ich bin mir sicher, dass es vor dem Krieg anders war. Heute sind bei uns die Autoren oft schlauer als ihre Figuren. Das meine ich mit 'von oben herab'. Figuren müssen so genau ausgearbeitet sein, dass sie ein eigenes Leben beginnen. Ein Leben, von dem auch Autoren, Schauspieler und Regisseure etwas lernen können. Die besten Autoren, seien es polnische Juden oder Iren, kommen oft aus Verliererländern. Die haben gelernt, dass Humor das Wichtigste ist, um am Leben zu bleiben.

teleschau: Mangelt es deutschen Autoren an Demut?

Schmidt: Mag sein. Wir Deutschen neigen zu der Einstellung, dass wir unser Leben selbst in der Hand haben. Dass wir unsere Geschicke selbst lenken. In vielerlei Hinsicht ist das auch eine gute Einstellung, aber nicht beim Drehbuchschreiben. In Polen oder Irland denkt kein Mensch, dass er sein Leben selbst bestimmen könnte.

teleschau: War das in Deutschland vor dem Krieg anders?

Schmidt: Es gab eine starke jüdische Kultur. Und es fehlte die Erfahrung des Wirtschaftswunders, das hier eine oder zwei Generationen stark prägte. Vor dem Dritten Reich war Deutschland eine Kultur voller Ironie, mit einer Menge Humor. Jemand wie Thomas Mann beschrieb seine Figuren niemals von oben herab.

teleschau: Gibt es eine Chance, dass die Deutschen diese verlorene Nuance wiederfinden?

Schmidt: Ja, absolut. Je weiter man von der Nachkriegszeit weggeht, desto differenzierter werden die Geschichten. Wenn es darum geht, das echte, anrührende Leben in der Kunst zu suchen, habe ich die Generation Günter Grass schon lange aufgegeben. Das ist mir alles zu ideologisch. Ich entdecke Weiten und Welten in der amerikanischen Nachkriegsliteratur, die man hier völlig vergebens sucht. Aber - es wird besser. Deutschland ist so viel internationaler geworden. Endlich vermischen sich bei uns auch künstlerisch viele Kulturen. Dadurch werden Geschichten und Filme besser. Wir haben heute einfach mehr zu erzählen. Für die Zukunft bin ich durchaus guter Dinge.

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