TV Star Portrait
Mario Adorf - Von Traumschiffen und der Suche nach Heimat
Mario Adorf spielt in 'Die lange Welle hinterm Kiel' (Mi., 04. Januar, 20.15 Uhr, ARD)
Von Eric Leimann 15. Dez 2011, 15:49

In der Pavel-Kohout-Romanverfilmung 'Die lange Welle hinterm Kiel' spielt Mario Adorf einen Mann, den die Gräueltaten im Sudetenland am Ende seines Lebens einholen. © ARD Degeto / Mona Film / Stefan Haring
Da musste sich der 81-jährige Großmeister deutscher Schauspielkunst erst einmal schütteln: Dreharbeiten auf einem Kreuzfahrtschiff? Eigentlich lehnt Mario Adorf derlei Urlaubsreisen ab. Und er hat gute Gründe dafür. Für die Dreharbeiten der Pavel-Kohout-Verfilmung 'Die lange Welle hinterm Kiel' begab sich der in Zürich Geborene trotzdem auf einen Luxuskahn. Dort galt es, ein Drama um Schuld und Sühne zu geben, das die Geschehnisse im Sudetenland um den Zweiten Weltkrieg herum aufarbeitet. Ein Gespräch über Rache und die Suche nach Heimat. Ein Pamphlet gegen falsche Traumschiffe und die Annahme, man könne ein netter Tourist sein.

teleschau: Im Film sagt die von Christiane Hörbiger verkörperte Figur zu Ihnen: 'Uns versteht keiner mehr.' Haben Sie auch manchmal das Gefühl, nicht mehr in die Zeit zu passen?
Mario Adorf: Nein, ich bin kein enttäuschter Mensch. Ich hatte auch noch nie das Gefühl, die Jugend oder gar die Welt nicht mehr zu verstehen.
teleschau: Pavel Kohout, der tschechische Autor der Romanvorlage, ist 1928 geboren. Sie kamen 1930 zur Welt. Haben Sie sich über Ihre Vergangenheit ausgetauscht?
Adorf: Nein, so gut kennen wir uns nicht. Ich schätze Kohout als Autor und als Stimme des Prager Frühlings.

Und er hat Recht: Die Geschichte zwischen Deutschen und Tschechen ist eine offen gebliebene Wunde. Insofern ist sein Buch ein wichtiges Buch. Kohout ist ein sehr weltoffener Mann, mit dem man über alles reden kann. Man könnte ihm auch sagen, dass man ganz anderer Meinung ist als er, und es wäre in Ordnung für ihn. Um meine Rolle zu spielen, war diese Art der Auseinandersetzung aber nicht nötig. 'Die lange Welle hinterm Kiel' ist ein persönliches Drama vor politischem Hintergrund - aber kein wirklich politischer Film.

teleschau: Warum ist die Vergangenheitsbewältigung zwischen Deutschen und Tschechen offenbar schwieriger als die zwischen anderen Völkern?
Adorf: Vielleicht fanden die Geschehnisse im Sudetenland deshalb weniger Gehör, weil sie nicht das Gesamtverhältnis zwischen Deutschen und Tschechen abbilden, sondern nur das der Menschen einer Region. Vertreibung, Unterdrückung, Gräueltaten - das gab es während der Nazizeit natürlich nicht nur dort. Es gab sie im ganzen Osten und auch anderswo. In Bezug auf Polen beispielsweise wurde aber viel mehr Aufarbeitung geleistet.

Da hat sich die Politik - vor allem Willy Brandt damals - wirklich bemüht und hatte Erfolg damit. Überall gibt es noch Verbände und einzelne Menschen, die der verlorenen Heimat nachhängen - was man denen ja auch gar nicht vorwerfen kann. Ich habe jedoch das Gefühl, in Bezug auf Ostpreußen oder Schlesien hat man das meiste angesprochen und versucht, Dinge zu klären. Im Sudetenland blieb das weitgehend aus.
teleschau: Können Sie Menschen verstehen, die ein Leben lang um Ihre verlorene Heimat trauern oder kämpfen?
Adorf: Vom Kopf her kann ich das, aber meine Seele tickt anders.

Wir leben in einer Welt, in der wir Ansprüche auf Land und Eigentum nicht mehr glaubhaft durchhalten können. Die Welt ist für solche Ideen zu klein geworden - und wird durch die vielen Menschen weiterhin immer kleiner werden. So etwas wie seine Scholle bis aufs Blut zu verteidigen, das wird nicht mehr möglich sein. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir lernen, zu verzeihen und zu vergessen, wenn es um verlorene Heimat geht. Das ist aber natürlich leicht zu sagen, wenn man selbst nicht betroffen ist.
teleschau: Gibt es im heutigen Deutschland noch große Versöhnungsaufgaben?

Adorf: Versöhnung ist überall dort vonnöten, wo Feindbilder existieren. Wir reden also von einem zeitlosen und sehr vielseitigen Thema.
teleschau: Sind Sie ein versöhnter Mensch?
Adorf: Ja, denn es gibt keine große klaffende Wunde in meiner Biografie. Kein Gefühl, das sich nach Rachegelüsten anfühlt, die ich generell verabscheue. Natürlich hat meine Generation wohl kollektiv mit ihrer Enttäuschung zu tun. In Bezug auf das, was im Krieg geschehen ist.
teleschau: Welche Art von Enttäuschung meinen Sie?
Adorf: Die Aufdeckung einer Täuschung, die Ent-Täuschung im Wortsinne.
Heute wird immer so leichtfertig gesagt, man hätte das alles wissen müssen, was in Deutschland wirklich geschah. Ich kann nur sagen: Nein, wir haben es nicht gewusst! Zumindest die Jugend nicht. Dass es viele Alte gab, die es hätten wissen können, sehe ich ein. Auch, dass viele die Augen zugemacht haben und wegschauten. Aber ich hasse das Gerede von der Vergangenheitsbewältigung. Wie will man Vergangenheit bewältigen? Man hat schon Mühe, seine eigenen Probleme in der Gegenwart zu lösen. Aber wie soll ein Mensch die Vergangenheit eines ganzen Volkes bewältigen? Nein, das ist für mich ein schlimmer Begriff - ein Unwort!
teleschau: Haben Sie selbst ein unproblematisches Verhältnis zum Begriff Heimat?
Adorf: Ich habe eine Heimat und die liegt in Deutschland. Natürlich hätte ich mit Italien eine zweite Heimat haben können. Ich habe diese Heimat gesucht, aber nicht gefunden. Glauben Sie mir, ich habe über viele Jahre versucht, meine italienische Heimat zu finden.
teleschau: Wie haben Sie es versucht?
Adorf: Ich versuchte, mich zu assimilieren, indem ich dort lebte. Ich wusste, dass ich halber Italiener war und versuchte, durch mein Leben dort ein ganzer zu werden. Je länger ich das probierte, desto deutscher kam ich mir vor. Alle Dinge, die ich an Italien liebte und bewunderte - Aspekte der Kunst, der Landschaft, des Essens -, waren Eindrücke, die ich für sehr italienisch hielt. Mit der Zeit musste ich feststellen, dass ich an Italien das liebte, was vor allem die Deutschen toll finden (lacht). Also gab ich es auf, ein Italiener sein zu wollen.
teleschau: Mögen die Italiener andere Dinge an ihrem Land als die Deutschen?
Adorf: Nicht unbedingt, aber sie mögen es auf eine andere Weise. Die Deutschen wollen sich Italien einverleiben - die Italiener haben es intus. Deutsche Reisende wissen oft viel mehr über die Landschaft, Geschichte oder Bauwerke Italiens als der Italiener selbst.
teleschau: 'Die lange Welle hinterm Kiel' spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. Können Sie sich vorstellen, so Ihren Urlaub zu verbringen?
Adorf: Nein, überhaupt nicht. Ich habe noch nie ein Traumschiff aus der Nähe gesehen. Ich möchte weder in der gleichnamigen Sendung mitspielen, noch könnte mich einer privat auf ein solches Kreuzfahrtschiff locken. Das hat mir nie etwas gesagt. Und wenn ich diesen Film auf einem Kreuzfahrtschiff gedreht habe, so war es für mich keine Urlaubs- sondern eine Arbeitsreise.
teleschau: Es kamen also keinerlei Gefühle der Entspannung bei Ihnen auf?
Adorf: Das Interessanteste war, dass während dieser Reise in Griechenland die deutsche Reederei Insolvenz anmelden musste und die Gefahr bestand, dass das Schiff in Athen polizeilich beschlagnahmt würde. Es folgte eine abenteuerliche Flucht aus den griechischen Hoheitsgewässern. Wir konnten den Film zwar zu Ende drehen, aber die Beschlagnahme erfolgte in Venedig, wo wir, das Filmteam und die echten Touristen, unbehelligt von Bord gehen konnten, aber die arme Besatzung, die meisten Ukrainer, durfte, da ohne Visa für die Heimreise und ohne Bezahlung, einige Monate lang das Schiff nicht verlassen. Das wäre sicher kein Stoff fürs 'Traumschiff' gewesen.
teleschau: Hat Sie 'Traumschiff'-Produzent Wolfgang Rademann mal gefragt, ob Sie mitspielen würden?
Adorf: Ich kenne ihn schon lange und mag ihn auch. Einmal sind wir uns auf Mauritius begegnet, wo er gerade auf Motivsuche war. Da fragte er mich, ob ich nicht mal mitfahren wolle. Ich sagte ihm: Ich brauche dich nicht, weil ich meine Reisen lieber selbst bezahle (lacht).
teleschau: Was stört Sie denn so an dieser Form des Reisens?
Adorf: Das hat gar nicht so viel mit dem Kreuzfahrtschiff an sich zu tun. Ich bin einfach kein Tourist und wollte auch nie einer sein. Ich halte einen gewissen Tourismus sogar für etwas sehr Gefährliches. Reisen, um die Welt zu sehen, ist in Ordnung - aber nicht, um sie zu verändern. Ganze ehemals wunderschöne Landstriche dieser Welt wurden in der Konsequenz daraus kaputt gebaut, das finde ich furchtbar. Ich erwähne nur die Kanarischen Inseln oder auch viele Küstenregionen des spanischen Festlandes. Mir wäre ein Tourismus recht, der nicht auf Landnahme und Eigentum setzt.
teleschau: Als Schauspieler sind Sie trotzdem viel in der Welt herum gekommen.
Adorf: Und das empfand ich durchaus als Privileg. Ich habe es auch immer genossen, als arbeitender Besucher an die Orte dieser Welt gekommen zu sein - das ist etwas völlig anderes. Ich habe diese Länder anders und besser kennengelernt, als es ein Tourist kann.
teleschau: Heißt das, Sie machen gar keine klassischen Urlaubsreisen?
Adorf: Ich habe es einige Male probiert, aber es hat mir nicht gefallen, was ich sah oder eher nicht sah. Nur ein Beispiel: Ich drehte mal auf Kuba. Da habe ich festgestellt, welch ein Unterschied zwischen dem Leben besteht, das dem Touristen auf Kuba gezeigt wird, und dem wirklichen Alltag der Kubaner. Die Touristen werden in modernsten Autobussen zu schönen Stränden und tollen Hotels kutschiert. Aber nichts davon ist das wahre Kuba. Die Arbeiter werden auf der Ladefläche stehend in uralten rußigen russischen Lastwagen, wie Heringe zusammengepfercht, zur Arbeit gekarrt. Wenn man als Fremder in einem Land arbeitet, lernt man nicht nur die Postkartenbilder, sondern auch die Schattenseiten kennen. Lassen Sie mich klarstellen: Ich weiß, dass ich durch meine Form des Reisens sehr privilegiert bin. Andere Menschen haben keine Gelegenheit, in fernen Ländern zu arbeiten und dafür auch noch gut bezahlt zu werden. Ich verurteile aber auch niemanden, der klassischen Tourismus betreibt und so wenigstens die Welt sieht.
© 2011 teleschau - der mediendienstDie lange Welle hinterm Kiel - Mi. 04.01 - ARD: 20.15 Uhr
4. Jan 2012, 20:15
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