TV Star Portrait
Martina Hill - Das kleine Leuchten
Martina Hill startet mit ihrer ersten eigenen Sketch-Comedy-Show 'Knallerfrauen' (ab 03.02., freitags, 22.15 Uhr, SAT.1)
Von Eric Leimann 4. Jan 2012, 18:03

Lange schon mehr als ein Comedy-Geheimtipp, aber erst jetzt mit ihrer eigenen Show im TV: Martina Hills 'Knallerfrauen' flippen freitags bei SAT.1 aus. © SAT.1 / Boris Breuer
Manche nennen sie 'die bessere Heidi Klum'. Martina Hill, Exil-Berlinerin in Köln, brachte es als piepsstimmig-schnippische Model-Aufseherin in 'Switch Reloaded' zu einiger Prominenz. Dabei überzeugt die ausgebildete Schauspielerin auch hinter anderen Masken. Ihre reimende Börsenexpertin Anja Kohl (ebenfalls 'Switch') ist ebenso Kult wie Hills Rolle als Statistik-Expertin Tina Hausten in der ZDF 'heute-show'. Umso überraschender, dass die 37-jährige Blondine in ihrem ersten eigenen Comedy-Format 'Knallerfrauen' (ab 03.02., freitags, 22.15 Uhr, SAT.1) nun gänzlich auf Parodien verzichtet.

Ihre neuen Figuren sehen alle aus wie Martina Hill - auch wenn sie in Sachen Bewältigung des weiblichen Alltags reichlich skurril daherkommen.
teleschau: Bei 'Knallerfrauen' stehen Sie zum ersten Mal ganz klar im Vordergrund. Ist der kreative Druck da nicht ziemlich gewaltig?
Martina Hill: Ja klar. Ich wollte etwas Besonderes machen. Und doch kann man das Rad der Sketch Comedy nicht völlig neu erfinden. Mir war es wichtig, dass alle, die an der Sendung arbeiten, eine gemeinsame Idee verfolgen. Dass man eben nicht sagt: Wir gehen auf Nummer sicher, indem wir ein bisschen was von allem machen. 'Knallerfrauen' verzichtet auf Parodie, Perücken und Sonstiges.

Ich spiele ganz normale Frauen in ziemlich alltäglichen Situationen. Auf dieser Basis - dem realistischen Leben einer Frau - versuchen wir dann, eine gewisse Fallhöhe zu erzielen.
teleschau: Sie sind bekannt geworden durch großartige Parodien bei 'Switch' - etwa Heidi Klum oder Börsenfrau Anja Kohl. In 'Knallerfrauen' sieht man Sie nun konsequent ohne Maske ...
Hill: Ja, das ist Teil des Konzeptes. Ich wollte sehen, was passiert, wenn man die Hill pur nimmt. Ich trage keine Masken, spreche keine komischen Dialekte oder verwandle mich sonst irgendwie. Ich spiele einfach Frauen, die in verschiedenen Situationen ihres Lebens überfordert sind.

teleschau: Wer inspiriert Sie zu Ihren 'Knallerfrauen'?
Hill: Ganz klar - der Alltag. Was um mich herum passiert, was mich berührt. Da gibt es einfach gewisse Situationen, die nach einer Haltung verlangen. Wenn eine erwachsene Frau bei ihren Eltern immer noch hinten im Auto im Kindersitz mitfährt - vielleicht nicht ganz genau so gesehen, aber zu Ende gedacht -, da formen Situationen Figuren. Nicht umgekehrt, wie es bei der Parodie der Fall ist.
teleschau: Gibt es Ihre neuen Charaktere im echten Leben?
Hill: Ja, die eine oder andere schon. Ich spiele mal die Überforderte, mal die Aggressive, Bedürftige oder Einsame.

Es sind eher Adjektive, die mich zu diesen Frauen werden lassen. Aussehen tue ich dabei immer wie Martina Hill.
teleschau: Was ist einfacher - eine Parodie zu erarbeiten oder einfach den Dingen ihren Lauf lassen, wie man es bei 'Knallerfrauen' sieht?
Hill: Rückblickend sind es vor allem zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Die Vorarbeit beim Parodieren ist enorm, weil ich Figuren studiere, in sie eindringe und sie verinnerliche. Bei 'Knallerfrauen' konnte ich dagegen mehr der Fantasie freien Lauf lassen. Ich konnte experimentieren und musste mich nicht ständig an einer Vorlage orientieren.

Was nicht heißt, dass es dadurch in der Vorarbeit leichter ist. Es ist einfach anders. Wir haben 220 Sketche gedreht - da war 'Knallerfrauen' sicher nicht leichter als eine Staffel 'Switch reloaded'.
teleschau: Viele Ihrer Sketche in 'Knallerfrauen' sind sehr frivol. Sie spielen mit den Grenzen des guten Geschmacks in Sachen Körperlichkeit und Sexualität. Ist das Ihre Humorschiene?
Hill: Ich habe durchaus unterschiedliche Vorlieben und einen insgesamt sehr breit gefächerten Humor. Körperlich grenzwertige Sketche mag ich zum Beispiel gern.
teleschau: Kann man mit Grenzüberschreitungen in Sachen Humor heute noch schockieren?

Hill: Ich glaube es eher nicht. Das war aber auch nie mein Ansatz. Ich will unterhalten, vielleicht manchmal Aufmerksamkeit erregen. Ich möchte aber niemanden verletzen. Das hat für mich in der Comedy nichts zu suchen und ist mir zuwider. Selbst beim Parodieren wachsen mir die Menschen, die ich verkörpere, total ans Herz. Ich liebe meine Figuren und gehe deshalb auch automatisch sorgfältig mit ihnen um.
teleschau: Wie gehen Sie beim Parodieren vor?
Hill: Für mich macht es Sinn, sich erst mal ganz lange auf die Stimme zu konzentrieren. Die nehme ich mir dann auf den MP3-Player auf und lasse mich den ganzen Tag davon berieseln.

Beim Spazierengehen, bei der Hausarbeit, beim Abschminken. Damit betanke ich mein Unterbewusstsein. In dieser Phase mache ich noch gar nichts, auch keine Notizen. Danach schaue ich mir das Bildmaterial an, das ich gesammelt habe. Erst die Mimik, dann die Körpersprache. Danach heißt es: gucken, gucken und immer wieder gucken. Die Stimme ist für mich die Basis beim Parodieren.
teleschau: Warum ist Ihnen die Stimme wichtiger als alles andere?
Hill: Weil die Stimme einem Körper Rhythmus und Tempo vorgibt. Der Rest folgt dann oft wie von selbst. Aber das ist kein Patentrezept.

Manchmal empfinde ich die Körperlichkeit einer Person stärker als ihre Stimme. Es ist schwierig. Ich denke bei jeder neuen Figur: Die schaff' ich nicht, das krieg' ich nicht hin! Und doch ist genau dieses Gefühl auch irgendwie mein Ansatz - auf 'reset' drücken und mit jeder Figur bei null beginnen.
teleschau: Gibt es beim Erarbeiten einer Figur den berühmten Aha-Effekt oder nähern Sie sich neuen Charakteren Stück für Stück an?
Hill: Ich brauche immer einen Aha-Effekt. Manchmal kommt der bei mir nach vier Tagen, einer Woche oder eben erst nach drei Wochen proben.
Oft sind es Situationen, in denen ich zuvor völlig frustriert war. Und dann macht man weiter und weiter, bis plötzlich etwas auftaucht. Es ist dann wie ein kleines Leuchten, ein Schimmern, ein Gefühl. Ich versuche es dann aufzugreifen, was nicht immer sofort gelingt. Trotzdem denke ich, dass wir alle auf diese Aha-Momente hinarbeiten.
teleschau: Haben Sie Humorvorbilder?
Hill: Ich habe Helden, keine Vorbilder. Als Kind war ich absoluter Otto-Waalkes-Fan. Didi Hallervorden war auch wichtig für mich. Über Anke Engelke lache ich mich schlapp, sie hat mich sehr inspiriert. Ich finde Kurt Krömer sehr lustig. Ich kann mit vielen Arten von Humor etwas anfangen. Vielleicht nicht immer und zu jeder Tageszeit - aber es darf auch gern mal richtig schön platt sein.
teleschau: Lachen Sie bei Ihren eigenen Sketchen an den gleichen Stellen, an denen alle anderen lachen?
Hill: Das wäre tragisch, weil dann kaum einer lachen würde. Aber natürlich sind das eigene Bauchgefühl, die eigenen Lachimpulse, wichtig. Auf was sonst soll man sich verlassen, wenn man wissen will, ob etwas komisch ist oder funktioniert? Wenn man an eine Sache glaubt, hat man Spaß daran. Dann wird es auch lustig. Und doch gibt es immer wieder Dinge, die man für nebensächlich hält und die dann plötzlich Kult werden.
teleschau: Zum Beispiel?
Hill: Mit Sicherheit die Heidi-Klum-Parodie, bei der ich irgendwann aus reiner Hilflosigkeit entschied: Ich setz mich jetzt auf die Stimme und quieke, weil mir bei einem immer perfekt aussehenden Model einfach nichts anderes einfällt. Genauso wie bei meiner Anja-Kohl-Parodie und ihren Reimen - da war es ähnlich. Das mit dem exzessiven Reimen und irrem Rumgetänzel war am Anfang nicht ganz so gedacht - das entstand eher aus Verwirrung bei den Proben. Das entspricht ja nicht wirklich der echten Anja Kohl, sie ist ja ganz anders als meine. Ich picke mir halt immer etwas heraus und manchmal funktioniert es für alle.
teleschau: War es für sie als gut aussehende Frau schwierig, als Humoristin akzeptiert zu werden? Hill: Dankeschön für das Kompliment! Das Aussehen hat mir weder geholfen noch im Weg gestanden. Ich finde, dass ich ziemlich normal aussehe. Ich bin Straßenköter-blond. Jede Frau, die heute blond sein will, kann nach einem Friseurbesuch die klassische Blondine sein. Erfolg in der Comedy hat meiner Meinung nach nichts mit Aussehen zu tun. Weder im positiven noch im kompensatorischen Sinne. Die Zuschauer merken einfach, wer mit Hingabe bei der Sache ist und wann es aufgesetzt ist. Ich finde, es geht darum, ob ein Komödiant den Bezug zu seinem inneren Kind herstellen kann. Wenn das gelingt, kann der Zuschauer durch die körperliche Hülle durchschauen. Das ist das, was zählt.© 2012 teleschau - der mediendienstKnallerfrauen (Neue Sketch-Comedy:) - Fr. 03.02 - SAT.1: 23.15 Uhr
3. Feb 2012, 23:15
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