Musik Reportagen
Kettcar: Zwischen den Runden
Die Welt im Kleinen
Von Kai-Oliver Derks 9. Feb 2012, 20:31

Stimmt schon. Sie haben einen wesentlichen Beitrag zum Reifeprozess deutscher Musik geleistet. Wer dreist ist, darf schon mal fragen, wo all die anderen ach so hippen Besserwisser-Songwriterjungs und supercoolen Blabla-Indie-Bands heute wären ... ohne sie. Gut, sicher, ja - wahrscheinlich auch nicht woanders. Aber Kettcar sind und bleiben eine der besten und wichtigsten deutschen Bands im neuen Jahrtausend, die zweifellos Inspiration und Mutgeber für viele andere war. Mit dem Unterschied, dass alle Mitglieder einfach eine Spur älter sind. Boss Marcus Wiebusch ist 43. Und das hört man. Weil so viel Fantasie eben keiner hat, der die 30 noch aus der Ferne beschaut.
'Zwischen den Runden' heißt Kettcars viertes Album, das ein außergewöhnliches ist.
Kettcar hätten eine wirklich große Band werden können. Eine wirklich große. Wurden sie aber nicht. Ihr Debüt 'Du und wieviel von deinen Freunden' (2002) nahm alle mit, Jung wie Alt, und erfand deutsche Musik bis zu einem gewissen Grad sogar neu. Der Nachfolger mit dem großartigen Titel 'Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen' (2005) setzte den Weg recht konsequent fort. Eine Mischung aus tanzbaren Hits und nachdenklichem Indie-Rock für die Ü30-Generation.
Tja, und dann hätte Marcus Wiebusch, eloquent, cool, unangepasst, intellektuell wie er ist, sich in die Jury einer Casting-Show setzen oder durch die deutsche Talkshowszene tingeln können, um dort anzugeben mit seiner Musik aus dem neuen Jahrtausend und seinen poetischen Texten.
Tat er aber nicht. Stattdessen veröffentlichen Kettcar 2008 ein Album namens 'Sylt', das nicht nur inhaltlich eine Spur zu belehrend war, sondern auch musikalisch vieles anders, aber wenig besser machte. Vier Jahre später nun also 'Zwischen den Runden'. Ein Album, das wieder vieles anders und das meiste besser macht als sein Vorgänger.
Vermeintlich verbrauchte Themen sind es, die die Band auch diesmal beackert. Der Tod, die Vergänglichkeit, die Hoffnung und, ja Herrgott auch die schon wieder ... die Liebe. Nur: Die nachhaltigen Songs, die diesmal auch zu einem großen Teil von Bassist Reimer Bustorff stammen, eröffnen eben neue Sichtweisen auf die Dinge, finden neue Worte für alte Gefühle. Es ist die Kunst der Dichter seit jeher, Sätze wie diese zu formulieren: 'Vielleicht, vielleicht ist es nicht leicht, das alles zu ertragen. Die Hoffnung ist schon vorgerannt, das Grab schon mal zu graben.'
Es ist ein harmonisches Album geworden und doch ein abwechslungsreiches. Ein todernstes. Ein liebevolles. Und am Ende ein unendlich trauriges. Vor allem aber ein kluges. Nicht in jener Hinsicht, wie es 'Sylt' sein wollte. Weltverbessernwollen scheint als Unsinn abgehackt. Kettcar beschreiben nurmehr die Welt im Kleinen - und tun das in einer Weise, wie es kaum eine andere deutsche Band versteht.
Eines noch, zum Trost: Wer nur die Band von früher mochte, von ihrem Vorgänger But Alive herüberswitchte mit ins neue Jahrtausend und dann irgendwann aufgab, für den gibt es mit 'Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd' (ein Kandidat für den Liedtitel des Jahres) einen astreinen Tanzflächenhit, der klingt, als würden Wiebusch und Co. direkt an ihren ersten Erfolg anschließen wollen. Was ihnen ohne Frage zu gönnen wäre ...
Kettcar auf Deutschland-Tournee:
23.02., Saarbrücken, Garage
24.02., Essen, Grugahalle
25.02., Neu Isenburg, Hugenottenhalle
26.02., Stuttgart, Longhorn
28.02., Bremen, Schlachthof
29.02., Kiel, Max
01.03., Dresden, Schlachthof
02.03., Leipzig, Haus Auensee
03.03., München, Kesselhaus
04.03., Köln, E-Werk
06.03., Hamburg, Große Freiheit 36
07.03., Hamburg, Große Freiheit 36
08.03., Hannover, Capitol
09.03., Magdeburg, AMO
10.03., Bielefeld, Ringlokschuppen
11.03., Berlin, Columbiahalle
12.03., Hamburg, Kampnagel
21.04., Wolfsburg, Hallenbad
22.-24.06., Scheeßel, Hurricane
22.-24.06., Neuhausen ob Eck, Southside
© 2012 teleschau - der mediendienst Kommentiere diesen ArtikelKettcar - 'Graue Eminenz? Das klingt furchtbar!'
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