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Christine Neubauer - 'Das Brandzeichen ist immer bei der Kuh'

Christine Neubauer trifft im ARD-Nachkriegsdrama 'Hannas Entscheidung' (Fr., 09.03., 20.15 Uhr) und gastiert in der ARD-Vorabendserie 'Heiter bis tödlich - München 7' (ab 07.03., 18.30 Uhr, mittwochs)

Von Jens Szameit 16. Feb 2012, 09:46

'Negative Gefühle sind kein guter Wegbegleiter', sagt Christine Neubauer - als Gaststar der ARD-Vorabendserie 'München 7' (ab 07.03., 18.30 Uhr, mittwochs) hat sie es zum Glück mit einem heiteren Format zu tun. © ARD / Barbara Bauriedl

'Negative Gefühle sind kein guter Wegbegleiter', sagt Christine Neubauer - als Gaststar der ARD-Vorabendserie 'München 7' (ab 07.03., 18.30 Uhr, mittwochs) hat sie es zum Glück mit einem heiteren Format zu tun. © ARD / Barbara Bauriedl

Man kann es Christine Neubauer nicht übelnehmen, dass ihr dieser Tage nicht nach öffentlicher Seelenbeschau zumute ist. Es ist ja im Grunde alles geschrieben. Über die Trennung von Ehemann Lambert Dinzinger, die Anschuldigungen des Sohnes, den neuen Partner aus Chile und die famose Gewichtsabnahme, mit der das ehemalige 'Vollweib' geradezu ins Auge sticht. Ähnlich schicksalsschwanger ist auch ihre neue Rolle angelegt, allerdings ist das trotz des notorischen Schmonzettensendeplatzes, Freitagabend im Ersten, diesmal nicht als Warnung gemeint.

Christine Neubauer musste an Original-Kreissägen aus den 50-ern ohne Sicherung arbeiten: Das waren sehr unangenehme Szenen, die mich hinterher in Albträumen einholten. © ARD / Degeto / Toni Muhr

Christine Neubauer musste an Original-Kreissägen aus den 50-ern ohne Sicherung arbeiten: 'Das waren sehr unangenehme Szenen, die mich hinterher in Albträumen einholten.' © ARD / Degeto / Toni Muhr

Das Nachkriegsdrama 'Hannas Entscheidung' (9. März, 20.15 Uhr) ist einer der besten und differenziertesten Filme, die Christine Neubauer je gedreht hat. Edgar Selge spielt den an Körper und Seele gebrochenen Kriegsheimkehrer, der seine Tischlerei fortführen will, es aber nicht mehr kann. Neubauer spielt seine Gattin, die den Familienbetrieb retten will und könnte, es aber nicht darf. Ein Gespräch über Emanzipation, verdrängte und geschönte Erinnerung, den nahenden 50. Geburtstag - und zuletzt eben auch über die Wehen eines Neustarts, der nicht alleine beruflicher Natur ist.

Die Gefühle sind mein Kapital, sie sind wie Edelsteine, die je nach Rolle neu geschliffen werden. In Hannas Entscheidung darf Christine Neubauer dieses Kapital voll ausspielen. © ARD / Degeto / Toni Muhr

'Die Gefühle sind mein Kapital, sie sind wie Edelsteine, die je nach Rolle neu geschliffen werden.' In 'Hannas Entscheidung' darf Christine Neubauer dieses 'Kapital' voll ausspielen. © ARD / Degeto / Toni Muhr

teleschau: 'Hannas Entscheidung' ist ein ungewöhnlich aufwühlender Film, der einen betroffen zurücklässt.

Christine Neubauer: Betroffen ist das richtige Wort. Der Film zeigt die Nachkriegszeit, wie sie mitunter war. Bei so einem Stoff mit einem Happy End dahinzuflimmern, wäre nicht angebracht gewesen. Die Genugtuung, dagegen zu wettern, wollten wir dem Feuilleton nicht gönnen!

teleschau: Nicht Ihre erste Rolle, die in den Nachkriegsjahren spielt.

Neubauer: Das stimmt, mir ist die Kriegs- und Nachkriegszeit inwzischen sehr vertraut. Ich habe sie schauspielerisch aus vielen unterschiedlichen Perspektiven durchlebt.

Eine Geschichte erzwungener Emanzipation: Edgar Selge spielt den Kriegsheimkehrer, der seine Tischlerei fortführen will, es aber nicht mehr kann. Neubauer spielt seine Gattin, die den Betrieb retten will und kann, es aber nicht darf. © ARD / Degeto / Toni Muhr

Eine Geschichte erzwungener Emanzipation: Edgar Selge spielt den Kriegsheimkehrer, der seine Tischlerei fortführen will, es aber nicht mehr kann. Neubauer spielt seine Gattin, die den Betrieb retten will und kann, es aber nicht darf. © ARD / Degeto / Toni Muhr

Für die Serie 'Löwengrube' versuchte ich seinerzeit, meine Oma zu befragen. Damals merkte ich: Die will und kann über die Zeit nichts berichten.

teleschau: Woran lag das?

Neubauer: Ich denke, sie hat ihre Erlebnisse verdrängt. Die Erinnerung filtert, man neigt immer zur Beschönigung. Das ist sicher auch eine psychologische Hilfe des Menschen, damit es weitergehen kann. Die guten Dinge bleiben, die schrecklichen verblassen. Hinzukommt: In dieser Generation war es nicht üblich, sich in ausführlichem Maße mitzuteilen.

teleschau: Auch eine Frage des ländlichen Menschenschlags?

Zickenkrieg am Viktualienmarkt: Christine Neubauer (links) zeigt sich neben ihrer München 7-Widersacherin Monika Gruber von der temperamentvollen Seite. © ARD / Barbara Bauriedl

Zickenkrieg am Viktualienmarkt: Christine Neubauer (links) zeigt sich neben ihrer 'München 7'-Widersacherin Monika Gruber von der temperamentvollen Seite. © ARD / Barbara Bauriedl

Neubauer: Sicher, meine Familie mütterlicherseits stammt aus dem Oberbayerischen. Dort leben bodenständige Leute mit dem Herz am rechten Fleck. Als Kind besuchte ich in den Ferien oft die Verwandten meiner Mutter auf dem Bauernhof.

teleschau: Welche Bilder schießen Ihnen aus der Zeit als Erstes durch den Kopf?

Neubauer: Ich erinnere mich an einen Bach, an eine Tante, die Hühner köpfte ... Da schaute ich als Kind um die Ecke, weil ich wieder zu neugierig war, und plötzlich liefen da die letzten Lebensgeister in dem kopflosen Hühnerkörper umher. Ein buchstäblich einschneidendes Erlebnis.

Gern gesehener Gala-Star: Christine Neubauer gehörte zu den über 270 geladenen Gästen der diesjährigen Mira Awards, initiiert durch Sky. © Sky / Michael Tinnefeld

Gern gesehener Gala-Star: Christine Neubauer gehörte zu den über 270 geladenen Gästen der diesjährigen Mira Awards, initiiert durch Sky. © Sky / Michael Tinnefeld

teleschau: Glauben Sie, dass die heutige Generation der um die 18-Jährigen zu schätzen weiß, auf welchen Entbehrungen und welchem Leid unsere Wohlstandsgesellschaft fußt?

Neubauer: Im eigentlichen Sinne nicht. Das wissen wir alle nicht. Egal, von welchem Grauen wir sprechen: Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich dem nur annähern. Man kann ein Leid geschichtlich nicht begreifen, sondern nur ein Mitgefühl entwickeln. Und man kann durch Filme wie diesen ein Bewusstsein für das schärfen, was die Menschen erlebten.

teleschau: Die kleine Familienwerkstatt im Film müsste Ihnen vertraut vorgekommen sein, Ihre Eltern hatten eine Buchdruckerei.

Neubauer: Richtig, eine sogenannte Offset-Druckerei, sie stellten Broschüren und Betriebsanleitungen her. Dieser Betrieb war bei uns hinten im Gartenhaus, das zu diesem Zweck umgebaut wurde. Ich spielte als Kind zwischen den Maschinen, oft auch hinten am Schneidemesser.

teleschau: Das klingt gefährlich.

Neubauer: Es ist zum Glück nie etwas passiert. Die Schneidemaschine musste man mit einem riesigen Rad zudrehen, wodurch das Papier gepresst wurde. Setzte man sich als Kind darauf, war das wie ein riesengroßes Bus- und Lasterlenkrad - ein schönes Spielzeug, wenn auch eher für Jungs. Im Film musste ich übrigens als Hanna an Original-50er-Jahre-Kreissägen ohne automatische Sicherung Holz schneiden. Das waren sehr unangenehme Szenen, die mich hinterher in Albträumen einholten.

teleschau: Wie waren im elterlichen Betrieb die Rollen zwischen Vater und Mutter verteilt?

Neubauer: Mein Vater kam aus dem Druckwesen und war daher der Anleitende. Aber meine Mutter war umgekehrt nicht die Zuarbeitende, sie hat selbstständig geschnitten und gedruckt. An der 'Heidelberger', so hieß die große Druckmaschine, stand mein Vater. Und an der kleinen 'Roda Print' stand meine Mutter.

teleschau: Dann sind Sie mit liberalen, emanzipierten Werten aufgewachsen?

Neubauer: Ich bin auf jeden Fall mit einer Mutter aufgewachsen, die immer gearbeitet hat. Eltern, die selbstständig sind, müssen irgendwie immer arbeiten. Es gibt nicht wirklich Urlaub in dem Sinne, dass man alles stehen und liegen lässt und wegfährt. Meine Eltern sind gerne und weit und auch ungewöhnlich gereist. Aber die letzten Nächte vor dem Abflug mussten durchgearbeitet werden, um die Zeit reinzuholen, in der sie zusperren wollten.

teleschau: Stand jemals zur Debatte, dass Sie den elterlichen Betrieb fortführen?

Neubauer: Nein, das war nie so angedacht - weder von mir noch vonseiten meiner Eltern.

teleschau: Dennoch war aus so einem Elternhaus heraus der Schritt zur freischaffenden Schauspielerin sicher riesig.

Neubauer: Meine Eltern hatten immer ein großes Vertrauen in mich. Obwohl sie wussten: Sie kennen sich in diesem Bereich nicht aus. Sie können mir dort nicht helfen, können keine Kontakte, keine Beziehungen herstellen - diese Privilegien hatte ich nie in meinem Beruf.

teleschau: Sie gingen zur Ausbildung auf eigene Faust nach New York, zur berühmten Schauspielschule von Lee Strasberg ...

Neubauer: Der Schritt von München nach New York war gewaltig. Der war auch mit einem mulmigen Gefühl, gewissen Ängsten verbunden, aber auch mit einer großen Neugier. Ich hatte eine Adresse und zwei Koffer, als ich rüberflog, mehr nicht. Sich dann dort so wohlzufühlen, in der fremden Stadt alleine zurechtzukommen, das war eine große Genugtuung. Ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit der Zeit - auch lustige ...

teleschau: Zum Beispiel?

Neubauer: Einmal besuchte ich ein Off-Off-Off-Broadway-Theaterstück mit Willem Defoe, den ich schon damals sehr veehrte. Ich war aber leider derart gejetlagt, dass ich während der Vorstellung einschlief und in dem Moment aufwachte, als sich Defoe vor mir verbeugte. Gott, war mir das peinlich! Einmal schlief ich in der U-Bahn ein und wachte in Harlem wieder auf. Sollte man auch nicht machen. Aber ich bin nie beklaut worden oder in eine gefährliche Situation geraten. Dank meines Urvertrauens!

teleschau: Wie viel von der New Yorker Neugier und Faszination dem Beruf gegenüber ist Ihnen 30 Jahre später erhalten geblieben?

Neubauer: Inzwischen ist von dieser Faszination wieder sehr viel vorhanden. Ich befinde mich jetzt im letzten Drittel einer langen Drehpause. Mehr als acht Monate habe ich nicht gearbeitet. Eine ungewöhnlich lange Pause für mich, aber sie hat mir gutgetan.

teleschau: Sehen wir Sie jetzt öfter in anspruchsvollen Rollen wie die der Hanna?

Neubauer: Das ist jetzt der neue Weg. Wo soll man sonst auch hin? Man muss sich ja weiterentwickeln. Meine Rollen sollen mit dem Alter stärker werden.

teleschau: Hat das auch mit persönlicher Reife zu tun?

Neubauer: Durchaus. Ich komme ja aus der Strasberg-Schule, und da ist es so, dass die Gefühle, die man schauspielerisch transportiert, aus dem eigenen Erfahrungsschatz kommen müssen. Die Gefühle sind mein Kapital, sie sind wie Edelsteine, die je nach Rolle neu geschliffen werden.

teleschau: Wer oder was hat Ihnen in den letzten Monaten den meisten Rückhalt gegeben?

Neubauer: In Krisenzeiten, wenn man auch schmerzhafte Entscheidungen treffen muss, sieht man, welche Menschen wirklich hinter einem stehen und welche das nicht tun. Allen voran meine Eltern stärkten mir bedingungslos den Rücken. Das zu erleben, war sehr bereichernd.

teleschau: Das klingt, als seien Sie nach Ihrer privaten Zäsur darüber erleichtert, dass Sie nun mit klarem Blick den Neustart wagen können.

Neubauer: Das stimmt, das ist auch der richtige Weg, und den möchte ich mit einem Lächeln gehen. Ohne mich mit Hass, Neid und Missgunst zu belasten. Negative Gefühle sind kein guter Wegbegleiter, da trifft sich meine Lebensphilosophie ein bisschen mit der buddhistischen Lehre.

teleschau: Apropos Gelassenheit: Im Juni beginnen Sie ein neues Lebensjahrzehnt ...

Neubauer: Eine Brandmarke, ja!

teleschau: Haben Sie ein Problem mit der Zahl?

Neubauer: Ich nicht, aber andere könnten eins daraus machen.

teleschau: Inwiefern?

Neubauer: Da sind wir beim Thema des Films, der Emanzipation: Ich halte nichts von der Frauenquote, sondern viel davon, dass derjenige, der die besten Fähigkeiten hat, an bestimmte Positionen kommt. So sollte es sein, so ist es aber nicht. Ich sag's mal so: Das Brandzeichen ist immer bei der Kuh und nie beim Ochsen.

teleschau: Wie wollen Sie den 50. feiern?

Neubauer: Ich werde an meinem Geburtstag arbeiten, was bei Schauspielern weder ungewöhnlich noch negativ ist. An dem Ort, an dem ich drehe, leben zufällig zwei Freunde, die sich in den vergangenen Wochen als wahnsinnig wertvoll herauskristallisiert haben. Bei denen werde ich feiern, und dorthin wird meine Familie eingeladen. Übrigens auch Teile der Familie, mit denen sich der Kontakt in den letzten Monaten intensiviert hat. Es hat sich halt die Spreu vom Weizen getrennt. Und der Weizen kommt zu mir. Er wird aber nicht in Flüssigkeit umgesetzt, es gibt wohl eher Champagner.

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