Internet Reportagen
Psychologie 2.0
Welchen Einfluss hat Facebook auf die Gefühlswelt?
Von Christina Freko 14. Mär 2012, 16:37

Rund 845 Millionen Menschen nutzen inzwischen Facebook. Bei manchen beeinflusst das Soziale Netzwerk laut einer Studie die Psyche. © www.facebook.com
Die Schwester bekam früher immer das interessantere Spielzeug geschenkt, die Kommilitonen hatten stets die cooleren Klamotten, und die Freunde leben ein aufregenderes Leben: Unsere Gefühlslage wird nicht selten davon bestimmt, wie wir unser Umfeld wahrnehmen. Haben wir den Eindruck, dass wir verglichen mit anderen benachteiligt sind, stellt sich schnell Unzufriedenheit ein. Gerade Facebook-Nutzer laufen im digitalen Zeitalter Gefahr, durch das Soziale Netzwerk unglücklich zu werden - das behauptet zumindest eine US-Studie.
Die Psychologie hat für dieses Phänomen einen Fachbegriff: Es handelt sich um einen Attributionsfehler.

Posten Facebook-Freunde ausschließlich Fotos, auf denen sie gut gelaunt sind, sich im Urlaub befinden oder feiern, entsteht beim Betrachter schnell der Eindruck, dass diese Menschen ununterbrochen glücklich und zufrieden sind. Man schließt also von einem schönen Moment auf das gesamte Leben. Dabei haben sicherlich auch Party-Tier Peter oder Weltenbummlerin Sarah ihre Probleme im Alltag und sind gelegentlich auch einmal traurig.
Allerdings teilen sie das vermutlich eher nicht auf Facebook mit - schließlich wollen sie ein bestimmtes Bild von sich in der Web-Gemeinde vermitteln.

Dabei kommt es ihnen nicht zwingend darauf an, eine bessere Version ihrer Selbst zu verkaufen: Laut einer Untersuchung der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz geben die meisten User-Profile die Persönlichkeit ihrer Inhaber sehr gut wieder - zumindest, wenn es darum geht, sie nach den 'Big Five' zu bewerten: Extraversion (Begeisterungsfähigkeit), Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und Neurotizismus (emotionale Labilität). Mithilfe dieser Eigenschaften klassifiziert die Psychologie die Persönlichkeit eines Menschen.

Meist zeigen die Leute im Web den Teil ihres Naturells, von dem sie glauben, dass er Zuspruch bei anderen findet. Schließlich möchte jeder ab und an Bestätigung erfahren. Diese Rechnung geht auf, aber jede Statusmeldung spricht nur bestimmte Facebook-Freunde an. Während die einen Posts wie 'Guten Morgen!', 'Bin müde, gehe jetzt schlafen' oder 'Freue mich auf heute Nachmittag!' ignorieren und in letzter Konsequenz Nachrichten der betreffenden Person blockieren, kommentieren andere diese scheinbaren Belanglosigkeiten fleißig.
Vielleicht ist hier relevant, wie nahe sich die virtuellen Freunde im echten Leben stehen: Ist man auch abseits des Web in den Alltag einer Person eingebunden, besteht möglicherweise ein größeres Interesse daran, ob derjenige einen guten oder schlechten Morgen hatte und weshalb er schon um 21.30 Uhr statt wie üblich um 23.00 Uhr ins Bett geht.
Doch auch ständige Interaktion kann negative Auswirkungen haben, wie eine Studie der Edinburgh Napier University herausgefunden haben will. Demnach fühlen sich Menschen, die sehr viele Facebook-Freundschaften pflegen, schnell gestresst und unter Druck: Hat man keine Lust, zeitnah auf eine Nachricht zu antworten, plagt das schlechte Gewissen. Auch die wiederholten Anfragen weniger beliebter Freunde lösen schnell Unbehagen aus. Dennoch trennt sich kaum jemand von seinem Facebook-Account oder unliebsamen Kontakten: Die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, ist schlicht zu groß. Der Blogger Sam Laird zwang sich, einige Monate ohne Facebook zu leben. 'Ich vermisse die Leichtigkeit der Kommunikation mit Freunden und Bekannten', schreibt er. Sein Resümée: 'Jetzt sind fünf Monate vorbei, und ich werde das Experiment weiterführen. Es macht Spaß, das Profil deaktiviert zu haben, aber ich werde es nicht löschen. Eines Tages komme ich zurück. Bis dahin genieße ich mein Leben offline.'
In einer Welt, in der sich Freundeskreise unter anderem aufgrund der geforderten beruflichen Mobilität spätestens nach der Schule oder dem Studium zerstreuen, sind Soziale Netzwerke ein gutes Mittel, um in Verbindung zu bleiben. Dennoch sollte sich jeder User fragen, ob er sinnvoll ist, sich mit jedem harmlosen Party-Flirt auf Facebook zu verlinken oder ob es nicht doch besser ist, die Facebook-Freunde nach selbst bestimmten Kriterien auszuwählen - beispielsweise, ob man auch im Offline-Leben in irgendeiner Beziehung zu der Person steht. Dadurch lässt sich sicher die eine oder andere unliebsame online-Situation vermeiden. Was das scheinbar aufregendere Leben der anderen angeht: Die Bilder des eigenen letzten Urlaubs sind sicher auch beneidenswert.© 2012 teleschau - der mediendienstWeniger Wachstum, mehr Shopping
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