TV Star Portrait
Ulrich Meyer - 'Heutzutage geht mir vieles zu schnell'
Ulrich Meyer steht seit 20 Jahren bei SAT.1 vor der Kamera
Von Jens Szameit 5. Apr 2012, 13:19

18 Jahre 'Akte', 20 Jahre SAT.1: Ulrich Meyer zählt zu den dienstältesten und profiliertesten Journalisten im Privatfernsehen. © SAT.1 / Oliver Ziebe
'Wir sitzen hier in Holzfällerhemden', beschreibt Ulrich Meyer (56) die improvisierte Lage in den Büroräumen seiner Produktionsfirma Meta Productions. In Kürze steht ein Umzug innerhalb Berlins an. Angestoßen wird dann leicht verspätet in der neuen Bleibe - denn der Chef hat Grund zum Feiern: Vor 20 Jahren wechselte Ulrich Meyer, damals stellvertretender Chefredakteur von RTL, schlagzeilenträchtig zu SAT.1. Der Moderator, Journalist und Erfinder des 'Brüllfernsehens' - wie die RTL-Streitshow 'Explosiv - Der heiße Stuhl' (1989 bis 1994) liebevoll getauft wurde - feiert also SAT.1-Jubiläum.

Gut möglich, dass es nicht das letzte bleibt: Meyers Reportermagazin 'Akte' (dienstags, 22.20 Uhr) rollt beim Münchner Sender seit nunmehr 18 Jahren nahezu störungsfrei wie auf Schienen durchs Programm.
teleschau: Herr Meyer, Sie interessieren sich tatsächlich für Comics?
Ulrich Meyer: Ja, dabei gehöre ich eigentlich zu der Generation, der es unter Strafe verboten war, diesen Schund zu lesen. Ich fand es trotzdem faszinierend zu sehen, wie man Zusammenhänge komplexer Art mit Zeichnungen erzählen kann.
teleschau: Haben Sie einen Lieblings-Comic-Helden?

Meyer: Nein, mir geht es nicht um Heldenverehrung, sondern um die künstlerische Gestaltung. Über meinem Büroschreibtisch hängen drei Vergrößerungen aus einem Comic aus den 80er-Jahren. Auf diesen drei Bildern hat der Zeichner das Haus, in dem ich jetzt sitze, erfasst: das Medienhaus am Lietzensee. Ich entdeckte das 1984 in einem französischen Berlin-Comic. Rückblickend ist das in etwa so, als würden sie in einem Buch etwas über ihre eigene Zukunft lesen. Sie sehen: Ich bin kein Donaldist oder so etwas.
teleschau: Dann haben die Comic-Helden auch nicht Ihr Selbstverständnis als Journalist geprägt?

Ulrich Meyer und das 'Akte'-Team kämpfen gegen das Unrecht ...
Meyer: Wenn Sie jetzt wissen wollen, ob ich zu Hause ein Cape habe, auf dem 'Captain America' steht, muss ich Sie enttäuschen.
teleschau: Es gibt auch 'Tim und Struppi' - die Comics mit dem rasenden, investigativen Reporter.
Meyer: Rasende Reporter helfen heute niemandem mehr weiter. Geprägt sind wir Älteren eher von Gestalten wie Peter Scholl-Latour. Leute, die hingehen, wo es wehtut, und wiederkommen mit etwas Zählbarem, das zur Volksbildung beiträgt. Eine löbliche, tief schürfende Vorgehensweise. Heutzutage geht mir im Journalismus vieles zu schnell.
teleschau: Ihr Magazin 'Akte' trotzt den schnelllebigen Zeiten seit nunmehr 18 Jahren.
Meyer: Eine außergewöhnliche Leistung. Und Sie müssen bedenken: Anders als sendereigene Formate wie 'Extra' oder Formate wie 'Stern TV', die wegen einer Drittsendelizenz so gut wie unangreifbar sind, boxen wir ohne Handschuhe und Gebissschutz. 'Akte' liefern wir dem Sender als Komplettprodukt von außen zu. Daher sind wir dem Spiel der Kräfte gnadenlos ausgeliefert. Hinzukommt, dass ich als Produzent für jeden Fehler, der passiert, geradestehe. Wenn nötig auch vor Gericht.
teleschau: Ihr Kollege Johannes B. Kerner ist unlängst mit einem Magazin, das 'Akte' immer ähnlicher wurde, gescheitert.
Meyer: Ich hätte mir gewünscht, dass er seine ZDF-Talksendung hier weitergemacht hätte, weil diese Farbe bei SAT.1 fehlt. Kerner hat Blut, Schweiß und Tränen in sein Magazin gesteckt, aber am Ende war es nicht von Erfolg gekrönt. Was zeigt: Auch eine Sendung wie 'Akte' ist kein Selbstläufer. Jeder einzelne Beitrag in 18 Jahren ist ein wertvolles Gut.
teleschau: War der Verkauf des Nachrichtensenders N24 durch ProSiebenSat.1 nicht ein Fingerzeig, dass es Informationssendungen im Privatfernsehen immer schwerer haben?
Meyer: Wir Journalisten müssen immer wieder darauf hinweisen, dass sich Menschen auf Informationen stützen. Sie fordern den Blick in die Wirklichkeit und schätzen Sender, die ihnen das volle Angebot von Sport über Unterhaltung bis Nachrichten geben. Es reicht nicht, dem Zuschauer ständig neue Promiköppe vorzusetzen. Er braucht sein Rundum-sorglos-Wohlfühlprogramm. Da gehören senderspezifische Informationssendungen dazu.
teleschau: Sind Sie beim Blick auf die Einschaltquote am Mittwochmorgen noch nervös?
Meyer: Nein, mein Magen krampft sich morgens nicht mehr zusammen. Dennoch: Der Fixstern unserer Arbeit ist und bleibt der Zuschauer. Wir haben einen einfachen Deal: Du gibst mir eine Stunde Lebenszeit, und ich gebe dir Erkenntnisse, die du verwenden kannst. Wir sind wie kein anderes Format bei SAT.1 in der Lage, direkt mit dem Zuschauer zu kommunizieren. Wir kriegen ohne Übertreibung etwa 30.000 E-Mails pro Jahr von Leuten, die schreiben: 'Bitte helft uns!'
teleschau: Was waren die gravierendsten Veränderungen bei 'Akte'?
Meyer: Eine wichtige Neuerung hat mit der Änderung des Claims zu tun: Früher hieß die Sendung 'Akte - Reporter decken auf', vor fünf Jahren haben wir sie umbenannt in 'Akte - Reporter kämpfen für Sie'. Das hatte unter anderem finanzielle Hintergründe. Wir hatten erhebliche Streichungen im Budget zu verkraften. Aufdecken ist extrem teuer, und sie wissen am Anfang nie, was am Ende herauskommt. Wenn der Finanzrahmen zu drücken anfängt, müssen sie als Produzent sicherstellen, dass aus jeder Geschichte, die sie angehen, etwas herauskommt, das man senden kann.
teleschau: Spektakuläre Enthüllungsgeschichten wie die Koksaffäre im Bundestag oder die Zerschlagung des Kinderpornorings 'Mikado' wären heute nicht mehr möglich?
Meyer: Nein, das muss man so deutlich sagen. Das wäre höchstens dann noch möglich, wenn Informanten auf uns zukämen. Speziell mit dem Thema Kinderpornografie befassten wir uns viele Jahre intensiv und mussten feststellen: Der Grat, auf dem Journalisten strafrechtlich relevante Erkenntnisse auf eine verantwortbare Weise zu Tage fördern können, ist außerordentlich schmal. Das war einer der Gründe zu sagen: Wir lassen in Zukunft die Finger davon.
teleschau: Bei SAT.1 feiern Sie jetzt Dienstjubiläum. Sie kamen 1992 als stellvertretender RTL-Chefredakteur, das hat in der Branche sicher Wellen geschlagen.
Meyer: Das war damals schon eine Sensation. Als Jörg Wontorra von der ARD und ich von RTL etwa zeitgleich zu SAT.1 wechselten, war das nicht nur ein Sturm im Wasserglas. Da war Aufregung im Damenstift, da war richtig was los! Ich sagte Helmut Thoma (langjähriger RTL-Geschäftsführer, d. Red.) zur Verabschiedung, dass ich mich wahnsinnig schlecht fühle, aber trotzdem sicher bin, das Richtige zu tun.
teleschau: Der Wechsel fiel Ihnen schwer?
Meyer: Durchaus. RTL war Anfang der 90-er die arme Kirchenmaus unter den Sendern. Es war keine einfache Entscheidung, zu den Rich Kids zu wechseln. SAT.1 war damals in jeder Hinsicht extrem gut ausgestattet.
teleschau: Wie sich die Zeiten ändern ...
Meyer: Sie müssen bedenken: SAT.1 hatte Leo Kirch und die umfangreichen Filmrechte, sie hatten Sport, Corporate Identity, einheitliche Klamotten für die Moderatoren. Bei RTL saßen wir ewig in Luxemburg und hatten Pappschilder umhängen, mit denen wir Ratespiele machten. Da wurde Fernsehen mit kleinster Münze gemacht. Aus dieser Tradition entwickelte sich die RTL-Kultur, Formate nicht einzukaufen, sondern selbst zu entwickeln.
teleschau: Vermissen Sie heute die Zeiten, in denen im Privatfernsehen noch experimentiert und ausprobiert wurde?
Meyer: Die Zeiten haben sich vollständig verändert. Wenn sie heute Experimentierfreude sehen wollen, ist das Internet die erste Anlaufstelle. Fernsehen ist nach wie vor sehr, sehr teuer. Deshalb kann ich Programmverantwortliche verstehen, die bei neuen Ideen als Erstes fragen: Wie hoch ist die Flopgefahr? Und wenn die über der Außentemperatur liegt, dann war's das halt. Als Produzent muss ich Innovation aber trotzdem ständig anschieben, damit wir in zwei, drei Jahren, wenn sich die Zeiten möglicherweise gewandelt haben, etwas in petto haben.
teleschau: Kommen Sie sich manchmal vor wie einer der letzten Mohikaner aus der Pionierzeit?
Meyer: Viele stehen da nicht mehr, richtig. Auch ich muss irgendwann den richtigen Augenblick finden zu sagen: Danke, das war's. Da sehe ich mich momentan aber noch nicht. Ich finde auch, dass wir 'Alten' in der Ausbildung der nachfolgenden Journalistengeneration einiges weiterzugeben haben, was wir für richtig und wichtig halten.
teleschau: Sie haben mal Medizin studiert ...
Meyer: Ein klarer Fall von Nice Try!
teleschau: Die beruflichen Aussichten wären als Arzt doch zunächst mal verlockender gewesen, als Volontär beim Kölner Lokalblatt zu werden.
Meyer: Exakt die Worte meiner Mutter! Aber wissen Sie: Ich hatte einen Onkel, der hieß Ulrich wie ich und war Journalist bei der 'Neuen Osnabrücker Zeitung'. Wenn ich mit ihm durch die kleine Kreisstadt fuhr, aus der er berichtete, wusste er über jeden, der über die Straße lief, etwas zu erzählen. Er wusste Verbindungen zwischen den Menschen zu schildern, die man nicht sieht. Diese Gabe, das Unsichtbare zu erzählen, hat mich als kleiner Junge fasziniert.
teleschau: Zehren Sie heute noch von Ihren Erfahrungen bei der 'Kölnischen Rundschau'?
Meyer: Extrem. Die Möglichkeit, mich ausschreiben zu können, bis die Finger blutig waren, befeuert mich noch heute: Ich bin ein sehr routinierter Schreiber. Und mich stören Texte, in denen die Kommata falsch gesetzt sind, in denen die Namen falsch geschrieben sind. Da fragt man sich: Was ist da sonst noch alles falsch? Man muss bei jungen Journalisten eine Demut vor dem Sachverhalt einfordern, die keine Frage von Geschwindigkeit ist.
teleschau: Hat sich der Arbeitsstress unter dem Geschwindigkeitsdiktat für Sie persönlich gesteigert?
Meyer: Umgekehrt! Ich habe im Verlauf der vergangenen zwei Jahre viel Verantwortung abgegeben. Ich bin nicht mehr Geschäftsführer meiner Produktionsfirma, habe die Finanz-, Organisations- und Personalverantwortung abgegeben. Das zeigt mir heute, was ich früher für einen Raubbau an mir selbst betrieben habe, als ich das noch alles gleichzeitig machte.
teleschau: Gab's mal eine Art Warnschuss?
Meyer: Nicht direkt auf mich gerichtet. Aber der viel zu frühe und völlig überraschende Tod meines Bruders (erlag 2010 einem Herzinfarkt, d. Red.) hat mich zum Nachdenken gebracht: Junge, Junge: Was dir selbstverständlich erscheint, kann auch schnell vorbei sein.
teleschau: Sie sind Fan des 1. FC Köln. Zur Entspannung trägt das auch nicht bei ... Meyer: Wirklich nicht, nein. Ich bin nicht nur Fan, sondern auch Kuratoriumsvorsitzender der sozialen F.C.-Stiftung 'Mer stonn ze dir'. Auch wenn unsere Arbeit mit dem Spiel der Profis nur mittelbar zu tun hat, fragen auch wir uns oft: Wie kann man es den Kickern begreifbar machen, dass die letzten 20 Minuten auch noch zum Spiel gehören?teleschau: Schaffen Sie es als Wahl-Berliner nach Köln ins Stadion?
Meyer: Absolut. Zwei- bis dreimal im Jahr gönne ich mir das.
teleschau: Und die Hertha ist keine Alternative?
Meyer: Sie haben als Mann eine Mutter und einen Verein. Das muss reichen.
© 2012 teleschau - der mediendienstPromiköppe reichen nicht!
5. Apr 2012, 13:20
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