TV Star Portrait
Jockel Tschiersch - Unter Halb-Verrückten ...
Jockel Tschiersch ermittelt im ARD-Krimi 'Milchgeld' (Do., 26.04., 20.15 Uhr)
Von Rupert Sommer 13. Apr 2012, 14:19

'Manchmal vermisse ich die Berge schon sehr', sagt der Allgäuer Wahl-Berliner Jockel Tschiersch. © Agentur Tony / B. Vitus
Jockel Tschiersch ist ein Kraftkerl - mit einer zarten Seele, die für alles Anarchische schwärmt. Und er ist ein Typ, wie man ihn im deutschen Fernsehen viel zu selten zu sehen bekommt - weil er sich nicht verbiegt und riskiert, falsch bis gar nicht verstanden zu werden. Nicht weniges davon hat allein schon mal mit seiner Herkunft aus der tiefsten West-Allgäuer Provinz zu tun, wo der überzeugte Wahlberliner noch immer fest verwurzelt ist. Tschiersch spricht nicht nur die urige bayerisch-alemannische Sprache, er denkt sie auch. 'Ich spiele total gern im Dialekt', sagt er.

'Man kann Nuancen einer Figur zeigen, die man im neuhochdeutschen Niemandsland niemals herausarbeiten kann.' Wie perfekt ihm das gelingt, sieht man nicht nur an seinem sympathischen Polizisten 'Dago' aus der ARD-Vorabendserie 'München 7', sondern vor allem an der Paraderolle im zweiten Allgäu-Ermittlungsfall 'Milchgeld. Ein Kluftingerkrimi', den die ARD am Donnerstag, 26. April, um 20.15 Uhr zeigt - und das ohne Untertitel im tiefsten Dialekt.
Beim Interview ist Jockel Tschiersch, der tagsüber Berliner Hochdeutsch spricht, weil er sich in der Hauptstadt und deren Umland, wo er lebt, verständlich machen möchte, schnell wieder in seinem Element.

Vermutlich liegt das daran, dass sein Bruder aus dem Allgäu zu Besuch ist und beide auf dem Grundstück in gewaltige Erdarbeiten vertieft sind. Was man halt so macht, im Hause Tschiersch. 'Wer mich bei der Arbeit im Garten sieht, könnte mich für einen polnischen Wanderarbeiter halten', sagt er und schwärmt von dem schweren Gerät, mit dem er eben erst wieder Erdmassen bewegt hat. 'Ich finde es toll, wenn ich irgendwas entstehen lassen kann', sagt er und fügt lakonisch an: 'Radlader fahren macht großen Spaß.

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Es ist eine nicht ganz alltägliche Leidenschaft, die ihn antreibt - und ganz nebenbei schon zwei tolle Romane aus dem 'Landmaschinen-Milieu' hervorgebracht hat, wie Tschierschs Verlag nicht ohne Schmunzeln betont. Aktuell ist bei Goldmann das Roadmovie 'Rita oder die Zärtlichkeit der Planierraupe' erschienen, in dem der Autor, Kabarettist, Schauspieler und PS-Fetischist von einem Allgäuer erzählt, der unbedingt an der 'Deutschen Meisterschaft im Präzisions-Planieren' an der Ostsee teilnehmen möchte. Wie man auf solche Stoffe kommt?

'Man müsste bei mir am Kleinhirn etwas wegoperieren, damit ich mir keine Geschichten mehr einfallen lasse', sagt Jockel Tschiersch nur und outet sich als Trieb-Schreiber. 'Ich arbeite bereits am nächsten', sagt er. 'Das Hirn steht selten still.'
Die Leidenschaft für Maschinen entflammte dabei in früher Kindheit. 'Ich wollte schon in der Schule wie meine Freunde am liebsten an den Maschinen herumbasteln', blickt er zurück. 'Später hat man mir gesagt: Die Geschichten, die du auf der Bühne erzählst, sind besser als die Motoren, die du baust.' Also macht er sein Talent zum Beruf - und wurde Kabarettist.

Allerdings nie, ohne die Bodenhaftung zu verlieren, was vor allem daran lag, dass ihm sein mittlerweile verstorbener Vater keine Steine in den Weg legte. 'Ich habe immer noch einen Schlüssel zu seiner Schreinerei in der Tasche', sagt Tschiersch. 'Ich wusste immer, dass ich jederzeit zurückkommen und als Hilfsschreiner bei ihm anfangen konnte.'
Dass ihn sein Weg über eine Zwischenstation an der Isar letztlich in die Hauptstadt führte, wo er seit 1986 lebt, war mehr oder weniger Zufall. 'Ich fuhr an einem Freitag auf Besuch nach Berlin.
Schon am Montag hatte ich die Wohnung in München gekündigt - und das bis heute nicht bereut', erzählt Jockel Tschiersch. 'Ich finde, es ist einfach die spannendste Stadt in Deutschland. Wenn ich zwischendurch länger nicht in Berlin bin, will ich schnell wieder zurück zu meinen Halbverrückten.'
Allerdings bleibt ein wenig Heimweh unvermeidlich. 'Manchmal vermisse ich die Berge schon sehr.' Der eher schräge ARD-Heimatfilm kam da natürlich sehr recht - auch wenn er vom Thema her Tschiersch auf die Palme brachte. 'Ich kaufe seitdem nicht mehr beim Discounter ein', sagt er und schimpft auf Billig-Milch, die für Dumping-Preis verschleudert wird. 'Eigentlich müssten wir alle sagen: Behaltet euer billiges Glump.'
Aktuell ist zum Glück sein Bruder zu Besuch - zum gemeinsamen Werkeln und um das Mütchen wieder zu kühlen. Dass dabei natürlich Allgäuerisch geschwätzt werden muss, ist Ehrensache. 'Wir haben gerade 90 Kubikmeter Erdreich verfrachtet. Beim Arbeiten mit ihm bin ich sofort auch sprachlich wieder in meiner Heimat. Als Banker könnte ich so etwas nie und nimmer machen', erzählt der Allgäuer Landmann stolz. 'Es ist ein unheimlich lyrischer Dialekt', schwärmt Tschiersch, gesteht aber auch ein: 'Das Fluchen und Granteln geht ganz wunderbar von der Hand.' Für seinen bereits zweiten 'Kluftingerkrimi' war er damit natürlich prädestiniert. Neben Hauptdarsteller Herbert Knaup gehört Jockel Tschiersch hörbar zu den 'Einheimischen' im Film. 'Ich habe schon öfter versucht, Kollegen in meine Sprache einzuführen. Es ist unmöglich, sich das einfach so draufzuschaffen', erzählt er.
Natürlich schweben ihm bei Rollen wie dem Polizisten Hefele vertraute Typen aus der Heimat vor. 'Es ist immer ein Konglomerat aus Figuren. Ich möchte lieber keine Namen nennen, damit sich zuhause niemand auf den Schwanz getreten fühlt', lächelt Tschiersch. Für seine Rolle glüht er. 'Hefele versucht, ein sachlich korrekter Kommissar zu sein. Er scheitert auch schon deswegen daran, weil er sich in diese unwiderstehliche Kollegin verschaut, die in dreierlei Hinsicht ganz anders ist als er: Erstens ist sie knalldünn, zweitens noch so jung und drittens aus dem Osten. Aber als sie dann im Dirndl vor ihm steht, ist er hin und weg.'
Wer gesehen hat, wie Tschierschs Augen hell und auch etwas diabolisch aufleuchten, wenn er im Film für Schauspielerkollegin Katharina Spiering alias 'Sandy' schwärmt, den hat er mit seiner unnachahmlichen Art um den Finger gewickelt. 'Menschen können glühen. Ich bin schon auch aufbrausend.' Überhaupt liebt er die leidenschaftlichen, gerne auch die etwas schwierigen Charaktere. 'Gegen die Choleriker habe ich überhaupt nichts', sagt er. 'So ein kleines Rumpelstilzchen spiele ich besonders gerne. Das Wütende sind doch Hilferufe - das gibt ein spannendes Spektrum zu spielen. Mich fasziniert, wenn Bösartigkeit ihre Gründe in tiefer Verletztheit hat.'
Auch der Hauptkommissar selbst ist im Film ja ein grober Kerl, der ziemlich unfreundlich austeilen kann. 'Kluftinger hat eine raue Schale. Er ist aber auch ein unglaublich gescheiter Mensch', sagt Tschiersch. Mit Herbert Knaup ergänzt er sich vielleicht auch deswegen vor und hinter der Kamera perfekt. 'Wir improvisieren oft Dinge, die man gar nicht senden kann. Weil wir dann wie zwei Allgäuer Deppen herumblödeln', lacht Tschiersch. Wie anarchisch es am Set wirklich zuging, hätte man gerne noch detaillierter erfahren. Vor allem, weil Tschiersch so rätselhaft hinterfotzig lacht, wenn er Andeutungen macht. Doch dann muss das Gespräch aus wirklich zwingenden Gründen enden - weil der Kies geliefert wird. Und Tschiersch sich schon wieder auf die Landmaschine schwingt.
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