TV Programm
Alice im Wunderland - Do. 17.05 - SAT.1: 20.15 Uhr
Wunderland ist abgebrannt
Von Andreas Fischer 17. Mai 2012, 20:15

Der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) will Alice im Kampf gegen die Rote Königin unterstützen. © SAT.1 / Disney Enterprises, Inc.
Sie bekommen einfach nicht genug voneinander: Regisseur Tim Burton und Johnny Depp arbeiteten für 'Alice im Wunderland' (2010) bereits zum siebten Mal zusammen. Basierend auf der berühmten Kindergeschichte von Lewis Carroll erzählt der Meisterregisseur ein bildgewaltiges Märchen, in dem die junge Alice ein zweites Mal in die geheimnisvolle Wunderwelt gerät. Doch an ihr erstes Mal kann sie sich nicht erinnern. Johnny Depp spielt in dem opulenten Mix aus Real- und Animationsfilm, den nun SAT.1 als Free-TV-Premiere zeigt, den verrückten Hutmacher, der Alice (Mia Wasikowska) auf die Mission schickt, das Wunderland zu retten.

So wie der Hutmacher eine zwanglose Interpretation der ursprünglichen Carroll-Figur ist, nahm sich Tim Burton überhaupt einige Freiheiten heraus für seine Kinoversion des klassischen Stoffes. Er vermischte Figuren und Handlungen aus 'Alice im Wunderland' und dem Nachfolger 'Alice hinter den Spiegeln'. Es geht drunter und drüber in der Parallelwelt, in die Alice, mittlerweile 17 Jahre alt, vor einer aufgezwungenen Verlobung flieht.
Die rote Königin regiert das Land mit harter Hand und fiesen Tricks.

Helena Bonham Carter, Burtons Lebensgefährtin, ist als böse Herrscherin kaum wiederzuerkennen und spielt ihre Figur mit atemberaubender Verrücktheit. Als gutmütige Gegenspielerin tänzelt Anne Hathaway in der Rolle der weißen Königin etwas hilflos durch die CGI-Kulissen. Zur prominenten Besetzung gehören außerdem Alan Rickman, Stephen Fry und Christopher Lee, die den Bewohnern des Wunderlandes im Original ihre Stimmen liehen.
Dass das absurdeste, verrückteste und liebenswerteste aller Kinderbücher von Regie-Exzentriker Tim Burton verfilmt wird, hatte hohe Erwartungen geweckt.

Der Filmemacher geht schließlich genauso fantasievoll, verspielt und hintersinnig mit Logik und Wahrnehmung um wie Lewis Carroll. Ein perfektes Team, hätte man meinen können - doch hat Burton ein paar Tassen zu viel zurück in seinen Schrank geräumt.
Er schickt Alice auf eine klassische Heldenmission, wie sie in Fantasyfilmen oft erzählt wird: Das Mädchen wird als Messias in einer zerstörten, abgebrannten Welt ohne Hoffnung begrüßt, eine Prophezeiung weist ihr den Weg in den Kampf, das Schicksal ist vorgezeichnet bis zur finalen Schlacht, in der Alice einem furchterregenden Drachen gegenübertreten muss.

Das ist dramaturgisch außergewöhnlich gewöhnlich umgesetzt und passt so gar nicht zum verrückten Grundton, den Burton eigentlich in der Eingangszene etabliert hat: Die kleine Alice, in ihren Träumen von Grinsekatze, Hutmacher, weißem Kaninchen und blauer Raupe verunsichert, fragt ihren Vater: 'Bin ich verrückt?' - 'Aber ja', ist die Antwort, 'alle guten Leute sind es.'
Aber alle guten Leute scheinen sich ein wenig davor gefürchtet zu haben - die Lust am Übertreiben, am kindlichen Wahnsinn wird im Großen unterdrückt. Das ist schade, denn Burton zeigt in den Details, wozu sein durchgeknallter Geist in der Lage ist.

Mit unglaublicher Fantasie hat er sein eigenes Wunderland gestaltet, eine Parallelwelt, die liebevoll animiert ist und bevölkert wird, von Figuren, die der Absurdität Carrolls entsprechen. Das Zeitlose der Geschichte funktioniert bei den kleinen Dingen noch immer - und bei Hauptdarstellerin Mia Wasikowksa: Sie wurde zur echten Entdeckung.
Doch den Rausch um des Rausches willen gab es bei der fast erwachsenen Alice im Jahr 2010 nicht. Hier hat alles seine Ordnung. Zu brav werden die großen Themen - Selbstfindung und Emanzipation - gesetzt. Was dabei fehlt, ist der liebevolle Wahnsinn, ist das verrückte Herz.

Dafür hat Burton zu wenige Momente reserviert in seiner erwartungsgemäß beeindruckenden Bilderorgie, die in den deutschen Kinos von knapp drei Millionen Zuschauern gesehen wurde.
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