TV Star Portrait
Gerhard Polt - Das schrecklich wahre Leben
Gerhard Polt Der deutsche Humorist wird am 7. Mai 70 Jahre alt
Von Eric Leimann 19. Apr 2012, 13:17

Aufhebens um die eigene Person mag er nicht: Der große deutsche Humorist Gerhard Polt wird am 7. Mai 70 Jahre alt. Sein Heimatsender Bayerischer Rundfunk ehrt ihn mit einem umfangreichen Sonderprogramm. © ARD
Wer alt genug ist, um in den späten 70e-rn und 80-ern 'Fast wia im richtigen Leben' gesehen zu haben, erinnert sich an einen großen, fleischigen Mann mit viel schwarzem Haar. Einer, der - je nach eigener Herkunft - schwer verständliches Bairisch im ersten Fernsehprogramm sprach und in dessen Sketchszenen schlimme Dinge passierten. Ein Betrunkener wurde im Feierabendzug erniedrigt, ein Miet-Nikolaus in der Hochhaussiedlung oder ein Kind beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Eigentlich ging es ziemlich oft ums Quälen von Menschen in jener zwölfteiligen Fernsehserie, die aus einzelnen Sketchen bestand.

Und doch konnte man den Blick nicht abwenden von Szenen, die so echt und grausam wirkten, dass sie mit dem leutseligen TV-Programm jener Zeit wenig gemein hatten. Zwölf Episoden 'Fast wia im richtigen Leben' produzierte der Bayerische Rundfunk zwischen 1979 und 1988 für die ARD. Später machte ihr Erfinder, der Kabarettist und randseitige Humorarbeiter Gerhard Polt, auch mit Spielfilmen Karriere: 'Kehraus', 'Man spricht deutsch' und 'Herr Ober!' hießen seine abendfüllenden Ausleuchtungen des schrecklich wahren Lebens. Am 7. Mai vollendet der gebürtige Münchener sein 70. Lebensjahr.

Es gibt viele gute Sprüche von und über Gerhard Polt, der zwar aussieht wie ein bayerisches Urviech, aber ein hoch gebildeter Mann ist. Eines seiner eigenen Lieblingszitate stammt vom Wiener Volkstheater-Veteranen Johann Nestroy: 'Der Mensch an und für sich ist gut, aber die Leut' sind ein Gesindel.'
Gerhard Polt muss sich immer sehr für die Menschen interessiert haben. Ansonsten hätte er sie nicht so genau kopieren und persiflieren können. Gleichzeitig hatte Gerhard Polt, der am 7. Mai 1942 in München als Sohn eines Rechtsanwalts zur Welt kam, immer auch Angst vor den Leuten.

'Es gibt Künstler', sagte er 2010 in einem Interview, 'die spüren auf der Bühne eine Art Macht gegenüber dem Publikum. Bei mir gilt das Gegenteil, ich habe keine Angst, aber ich spüre ein leicht defensives Gefühl.' Aus dem unguten Gefühl heraus, dass 'von den Leuten' schlimme Dinge kommen, werden sie erst mal von der Leine des Anstands gelassen, daraus hat Polt irgendwann einen Beruf gemacht.
In seinem frühen Hörspiel 'Als wenn man ein Dachs wär' in seinem Bau' von 1976, einer bösen Satire auf eine Luxussanierung in der Schwabinger Amalienstraße, sprach er mehr als 30 Rollen selbst.

Fast zur gleichen Zeit werkelte der Geistesverwandte Helge Schneider im Ruhrpott übrigens an ähnlichen Themen - ebenfalls in Hörspielform. Im Fernsehen lief dagegen noch 'Klimbim' mit Ingrid Steeger, und ganz Deutschland lachte über Otto. Polt hingegen war Underground. Das heißt, eigentlich war er Hobby-Humorist. Nach einem Studium der Skandinavistik - vier Jahre lebte er in Schweden, von 1962 bis 1966 - arbeitete er in München als Dolmetscher, Übersetzer und Lehrer. 1976 debütierte Polt dort mit einem kabarettistischen Programm, danach wurde er immer mehr zum Geheimtipp.

Einerseits verkörpert Gerhard Polt, der später mit Frau und Sohn an den Schliersee zog, den bajuwarischen Widerspruch an sich: Er gibt den Spießer und gleichzeitig den Anarchisten. Er schaut jenem süddeutschen Volk aufs Maul, das gern viel und abfällig redet und dabei doch so viel geschundenes Herz transportiert. Trotzdem wäre es viel zu kurz gedacht, ihn als bayerisches Phänomen zu betrachten. Gerhard Polt ist vor allem ein genauer Beobachter des deutschen Alltags und seiner zwischenmenschlichen Abgründe.

Wo Loriot seine Protagonisten in saubere Versuchsanordnungen wie Badewannen, Fernsehstudios oder feine Restaurants schickte, platzierte Polt seine üblen Scherze in schmuddeligen Wirtshäusern, auf vollgekotzten Toiletten oder in gruselig erkalteten Spießerwohnstuben.
Der einfache Mann war stets Polts Metier. Meistens ergänzt durch die einfache Frau, kongenial verkörpert von der langjährigen Spielpartnerin Gisela Schneeberger. In den 80-ern, als der bayerische Kraftmensch vom Geheimtipp zum bissigen deutschen Gesamtunterhalter aufstieg, kam neben TV und Bühne der Film dazu.

Die bis heute geniale und bitterböse Arbeitswelt-Satire 'Kehraus' (1983), der etwas zugänglichere Urlaubsfilm 'Man spricht deutsch' (1988) und die Poeten-Posse 'Herr Ober!' (1992). 2004 schließlich 'Germanikus', eine Politsatire im antiken Gewand.
Mittlerweile hat sich Polt von Leinwand und TV verabschiedet. Ein Sichaufdrängen läge einem wie ihm ohnehin fern. Auch jeglicher Rummel um die eigene Person ist dem Jubilar unangenehm. Gerhard Polt spricht über sich - wenn er gefragt wird - aber er resümiert nicht gern.
Auch in der Betrachtung des eigenen Lebens bleibt der Bayer bei jenen kleinen und genauen Skizzen, die auch seine Kunst so wirksam machten. Es ist folgerichtig, das zum 70. keine richtige Biografie, aber ein 200 Seiten starkes Interviewbuch von Herlinde Koelbl mit dem Titel 'Gerhard Polt und auch sonst' erschienen ist. 'Man ist sich selber ein Geheimnis', sagte er seiner Nicht-Biografin, 'und ich will es auch nicht wissen, und das ist gut so.'
Gerhard Polt, nach wie vor intensiv mit seinen Bühnenprogrammen auf Tour, wird am Wochenende vor seinem Geburtstag umfassend vom Dritten Programm des Bayerischen Rundfunks geehrt. Am Samstag, 05.05., gibt es einen ganzen Themenabend , der um 20.15 Uhr mit dem Film 'Herr Ober!' von 1991 beginnt und um 21.55 Uhr mit der ersten Folge 'Fast wia im richtigen Leben' von 1979 fortgesetzt wird. Um 22.40 Uhr folgt 'Offener Vollzug', ein 'Staatsschauspiel' von und mit Gerhard Polt und um 0.10 Uhr ein 90 Minuten langer Porträtfilm von Ute Casper. Tags darauf, am Sonntag, 06.05., um 19.45 Uhr, hat sich der Bayerische Rundfunk eine explizite Geburtstagssendung für den prominenten Satiriker ausgedacht. Ihr spannender Titel: 'Der Herr Polt - Sind Sie's oder sind Sie's nicht?'.
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