Kino Reportagen
'Ich schaue mir meine Filme nie an'
Sönke Wortmann pfeift bei 'Das Hochzeitsvideo' (Start: 10.05.) auf den Perfektionismus
Von Claudia Nitsche 3. Mai 2012, 10:15

Sönke Wortmann nennt sich selbst einen Perfektionisten - weshalb die Arbeit an der Pseudo-Doku 'Das Hochzeitsvideo' für ihn eine besondere Herausforderung darstellte. © 2012 Constantin Film Verleih GmbH
'Die Päpstin' (2009) war ein Mammutwerk, mit Millionenbudget und internationalem Flair - danach stand dem Regisseur Sönke Wortmann der Sinn nach einem kleinen Film, ohne bekannte Schauspieler, dafür mit Wackelkamera: 'Das Hochzeitsvideo' (Kinostart: 10.05.) wird aus der Perspektive des Dokumentars gezeigt, der die Tage vor dem Schritt vor den Altar aufzeichnet und die Beteiligten interviewt, wobei er unbeabsichtigt Geheimnisse aufdeckt und Zeuge turbulenter Verwicklungen wird. Für Wortmann war das eine Produktion, in der er erstmals die Zügel locker ließ.

Eine besondere Erfahrung für den 52-jährigen Perfektionisten, der in den 90-ern mit 'Kleine Haie', 'Der bewegte Mann' und 'Das Superweib' bekannt wurde.
teleschau: Wieso haben Sie einen Film übers Heiraten gedreht?
Sönke Wortmann: Weil Hochzeit für mich ein großes Thema ist und bleiben wird. Es ist ein Evergreen, jeder hat eine Haltung dazu, positiv oder negativ.
teleschau: Dann brechen Sie doch mal eine Lanze für die Ehe.
Wortmann: Ob Heiraten schön ist, muss jeder für sich entscheiden, aber es hat einige Vorteile. Stellen Sie sich vor, Ihnen passiert etwas und Ihr Freund kommt ins Krankenhaus.

Er darf nichts mit entscheiden, schließlich ist er kein Verwandter. Das bisschen Steuervorteil fällt nicht weiter ins Gewicht. Und vor allem ist es sehr romantisch. Deswegen habe ich gerne geheiratet.
teleschau: Und das nur einmal.
Wortmann: Ja, das ist mein Ziel. Bisher sieht es ganz gut aus mit dieser Vorgabe.
teleschau: Ist das schnelle Heiraten, wie es im Film vorkommt, wirklich eine besondere Sache?
Wortmann: Finde ich schon. Der Gedanke, sich zügig zu entscheiden, den anderen zu heiraten, ist wiederum romantisch. Wenn man sich fünf Jahre lang ausgecheckt hat, braucht man nicht unbedingt mehr zu heiraten.
So ein schneller Entschluss kann natürlich in die Hose gehen, muss aber nicht.
teleschau: Sie haben sich bei der Umsetzung des Themas für eine Komödie entschieden.
Wortmann: Ja, ich fand den Stoff brüllend komisch und habe ewig keine Komödie mehr gemacht. 'Die Päpstin' war zuvor ein Projekt mit langem Anlauf und viel Nachbearbeitungszeit. Ich nutze dann gerne die Freiheit, die ich glücklicherweise genieße, das zu tun, worauf ich Lust habe.
teleschau: Dass Sie mit Ihrer eigenen Produktionsfirma Little Shark arbeiten, gibt Ihnen diese Freiheit. Ist es auch eine zusätzliche Belastung?
Wortmann: Ich gehe zwar fast jeden Tag ins Büro, aber das würde ich noch nicht als Aufwand bezeichnen. Wir haben in der Firma oft Zeiten mit normalem Alltagsleben, rechnen und heften Taxiquittungen ab, bis es dann irgendwann wieder ernst und intensiv wird. Ich habe mittlerweile eine gute Balance gefunden zwischen Arbeiten und Nichtstun.
teleschau: Ihr Film 'Kleine Haie' war Namenspate für die Firma: Mögen Sie Ihr Frühwerk eigentlich noch?
Wortmann: Den musste ich mir neulich für einen Audiokommentar sogar ansehen, weil er in einer neuen Edition auf DVD erscheint. Aber ich entdecke bei meinen eigenen Filmen immer nur die Fehler und was ich besser hätte machen können. Deswegen schaue ich sie mir nie an, sondern drehe lieber einen neuen.
teleschau: Ihre Projektpalette reicht von der Komödie zum Ernsthaften, Ihre Themen von Fußball zur Kirchengeschichte. Eine Linie kann man schwer ausmachen.
Wortmann: Das finde ich super. Ich wollte schon immer mich selbst und die Leute überraschen. Vor allem empfinde ich es deshalb als Kompliment, weil mein Vorbild Billy Wilder so vieles konnte. Der beherrschte unglaublich unterschiedliche Genres. Natürlich bin ich nicht so gut wie er, aber Vorbilder muss man ja nicht erreichen.
teleschau: Ändert sich die Arbeitsweise als Regisseur alle paar Jahre?
Wortmann: Das Gefühl habe ich nicht. Bisher drehte ich alle Filme auf die gleiche Art, nur 'Das Hochzeitsvideo' hatte eine ganz andere Arbeitsweise. Ich bin immer sehr gut vorbereitet, weiß genau, wo ich die Kamera hinstellen und wann ich später schneiden möchte.
teleschau: Und diesmal ließen Sie die Zügel lockerer?
Wortmann: Es wird alles aus der Perspektive des Videofilmers, einem Freund des Bräutigams, gezeigt. Wenn man also nach links schwenkt, weil da jemand auftaucht, durfte das imperfekt sein. Das sollte es sogar - und war ein großer Spaß, weil ich eigentlich Perfektionist bin. Diesmal musste ich nicht so gut vorbereitet sein, sondern konnte zulassen, was passiert. Ich habe aber nichts improvisiert, auch wenn das vielleicht manchmal so aussieht.
teleschau: Sie besetzten die Hauptrollen ausschließlich mit jungen Leuten vom Theater. Reizt es Sie, neue Talente zu entdecken?
Wortmann: Ja. Wenn man einen Bestseller wie 'Die Päpstin' verfilmt, erwartet das Publikum gewisse Namen. Noch mehr Spaß macht es mir aber, im Theater neue Leute aufzustöbern - und ich war froh, es für diesen Film wieder so machen zu dürfen. Da kam keiner und sagte: 'Das muss aber Matthias Schweighöfer spielen.'
teleschau: Was Sie auch nicht gewollt hätten.
Wortmann: Nein, denn das Konzept hieß Authentizität, und die bekommst du nicht mit bekannten Gesichtern. Wir wollen ja behaupten, dass hier ein echter Bräutigam am Start ist, und haben die scheinbare Not, ohne große Namen zu arbeiten, zur Tugend gemacht.
teleschau: Der Film startet parallel mit 'Ausgerechnet Sibirien', der neuen Komödie von Ralf Huettner. Nehmen sich da zwei deutsche Produktionen die Zuschauer weg?
Wortmann: Der Termin wurde nach langer Überlegung gewählt, und ich glaube, unsere Konkurrenz kommt eher aus Hollywood: Die Teenager-Komödie 'Project X' startet bald und ich denke, die kann uns in die Parade fahren. ('Project X' ist ebenfalls eine Pseudo-Dokumentation und läuft bereits im Kino, Anm. d. Red.)
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