TV Programm
Ein deutscher Boxer (Dokumentarfilm im Ersten:) - Di. 12.06 - ARD: 23.45 Uhr
Sie nannten ihn den 'braunen Bomber'
Von Jens Szameit 12. Jun 2012, 23:45
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Aus seiner Boxerkarriere hat er nicht viel gemacht, dafür umso mehr aus seinem Leben: Charly Graf. © NDR
Es waren nicht gerade die Tage der politischen Korrektheit im Ausdruck. Wenn Charly Graf Ende der 60-er über sich in der Zeitung las, standen da Überschriften wie 'Deutschlands brauner Bomber'. Was natürlich als Kompliment gemeint war, schließlich nannte man die blutjunge Boxhoffnung, unehelicher Sohn einer ungelernten Arbeiterin und eines schwarzen US-Soldaten, auch ehrfürchtig den 'Cassius Clay von Waldhof'. Was folgte, war dann nicht die ganz große Sportlerkarriere, aber eine absolut filmreife Biografie. Über Max Schmeling gibt es ein Kino-Biopic, über den Mannheimer Charly Graf gibt es jetzt immerhin schon die zweite TV-Dokumentation.
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Grimme-Preisträger Eric Friedler hat sie fürs Erste gedreht und herausfordernd schlicht betitelt: 'Ein deutscher Boxer'.
Zweiter Platz bei den deutschen Junioren-Meisterschaften im Schwergewicht 1969. Deutscher Meister im Schwergewicht 1985. Gemessen an der Titelausbeute ist Charly Graf wirklich nicht mehr als ein deutscher Boxer unter vielen. Was ihn besonders macht, ist diese famose Biografie mit ihren Tiefschlägen und wundersamen Wendungen. Um die zu begreifen, muss man sich geistig zurückversetzen in eine Zeit, in der der Boxsport noch kein salonfähiges Massenspektakel war, sondern tief im Milieu verankert war.
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Eine Aufstiegschance für all die, denen das Leben sonst keine Chancen geschenkt hat.
Charly Graf hat's vermasselt. Gemessen an seinem Talent hat der 90 Kilo schwere Modellathlet nicht viel aus seiner Karriere gemacht. Nach einer K.o.-Niederlage gegen seinen ersten ernsthaften Gegner im Jahr 1970 rutschte der Junge aus dem Mannheimer Problemviertel Waldhof ins kriminelle Milieu. Wegen Glückspiels, Zuhälterei und sogenannten 'Rohheitsdelikten' wurde er mehrfach verurteilt. Sechseinhalb Jahre saß er mit Unterbrechungen ein.
Was hinter Gittern normalerweise nie klappt, ging bei Charly Graf wundersam auf. Er wurde ein besserer Mensch.
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Ausgerechnet ein berühmter Mitinsasse in Stammheim, der frühere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock, ermunterte ihn, wieder mit dem Boxen anzufangen. Ein solches Comeback hatte der Boxsport noch nicht gesehen: Polizisten eskortierten den Häftling Graf 1984 durch die Frankfurter Festhalle in den Ring. Gecoacht wurde er von seinen Wärtern. Der Gegner, ein gewisser Andre van den Oetelaar, ging in der zweiten Runde k.o.
Eric Friedler erzählt von diesen faszinierenden Ereignissen im Dialog zwischen Archivbildern und den Erinnerungen von Zeitzeugen und Weggefährten.
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Unter anderem kommen Peter-Jürgen Boock zu Wort, der Liedermacher Konstantin Wecker, der Boxstallgründer Wilfried Sauerland und Charly Graf selbst. Der arbeitet heute als Betreuer für sozial auffällige Jugendliche im Auftrag der Stadt Mannheim. 'Deutschlands Sozialarbeiter Nummer eins' hat ihn die Zeitung 'Welt' einmal getauft. Dafür gibt's zwar keinen WM-Gürtel. Aber allen gebührenden Respekt.
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